Quecksilber: Unterschied zwischen den Versionen

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'''Quecksilber''' (griech. ύδράργυρος „flüssiges Silber“, davon abgeleitet das lateinische Wort ''hydrargyrum'' (Hg), Name gegeben von Dioskurides; engl. Mercury) ist ein chemisches Element im Periodensystem der Elemente mit dem Symbol Hg und der Ordnungszahl 80. Es ist das einzige Metall und neben Brom das einzige Element, das bei Normalbedingungen flüssig ist. Aufgrund seiner hohen Oberflächenspannung benetzt Quecksilber seine Unterlage nicht, sondern bildet wegen seiner starken Kohäsion linsenförmige Tropfen. Aufgrund seines hohen Dampfdrucks verdampfen schon bei Raumtemperatur stets geringe Mengen Quecksilber. Diese Dämpfe sind stark giftig.<ref>{{Quelle Wikipedia|Quecksilber}}</ref>
'''Quecksilber''' (griech. ύδράργυρος „flüssiges Silber“, davon abgeleitet das lateinische Wort ''hydrargyrum'' (Hg), Name gegeben von Dioskurides; engl. Mercury) ist ein chemisches Element im Periodensystem der Elemente mit dem Symbol Hg und der Ordnungszahl 80. Es ist das einzige Metall und neben Brom das einzige Element, das bei Normalbedingungen flüssig ist. Aufgrund seiner hohen Oberflächenspannung benetzt Quecksilber seine Unterlage nicht, sondern bildet wegen seiner starken Kohäsion linsenförmige Tropfen. Aufgrund seines hohen Dampfdrucks verdampfen schon bei Raumtemperatur stets geringe Mengen Quecksilber. Diese Dämpfe sind stark giftig. Quecksilber ist ein hochgiftiges Schwermetall. Es schädigt Nervensystem, Immunsystem und die Nieren. Quecksilber spielt zudem eine bedeutende Rolle als Umweltschadstoff.<ref>{{Quelle Wikipedia|Quecksilber}}</ref>


== Quecksilber und Fürth ==
== Quecksilberverarbeitung und &#8209;altlasten im Stadtgebiet Fürth ==
Auch die vielen [[Spiegelfabriken]] in Fürth benutzten, wie es bis zum Ende des 19. Jahrhunderts üblich war, für das Belegen des Spiegelglases Quecksilber. Dabei legte man eine Zinnfolie aus, überschüttete diese mit Quecksilber und deckte die Glasplatte darauf. An der Glasplatte bildete sich eine stabile, fest haftende Quecksilberlegierung, ein Amalgam.
Auch die vielen [[Spiegelfabriken]] in Fürth benutzten, wie es bis zum Ende des 19. Jahrhunderts üblich war, für das Belegen des Spiegelglases Quecksilber. Dabei legte man eine Zinnfolie aus, überschüttete diese mit Quecksilber und deckte die Glasplatte darauf. An der Glasplatte bildete sich eine stabile, fest haftende Quecksilberlegierung, ein [[wikipedia:Amalgam|Amalgam]].


Quecksilber war relativ leicht zu verarbeiten, rief aber bei den Arbeitern schwere Gesundheitsschäden hervor. Erkrankungen des Magens, Schwindel, Kopfschmerz, „Ameisenkriechen“ in den Gliedern bis hin zur völligen Zerrüttung des Nervensystems („Mercurialismus“).
Quecksilber war relativ leicht zu verarbeiten, rief aber bei den Arbeitern schwere Gesundheitsschäden hervor. Erkrankungen des Magens, Schwindel, Kopfschmerz, „Ameisenkriechen“ in den Gliedern bis hin zur völligen Zerrüttung des Nervensystems ([[wikipedia:Quecksilbervergiftung|Quecksilbervergiftung]]/Merkurialismus).


Schon Ende des 18. Jahrhunderts waren die gesundheitsschädlichen Folgen der Arbeit mit Quecksilber gut bekannt und beschrieben:  
Schon Ende des 18. Jahrhunderts waren die gesundheitsschädlichen Folgen der Arbeit mit Quecksilber gut bekannt und beschrieben:  
::''"Die Beleg-Arbeit ist die schädlichste Manipulation bey dieser Glasarbeit, und die schädlichste unter tausend andern Arbeiten. Nur in lüftigen hohen Zimmern, und von solchen Personen läßt sich diese Arbeit, und da nur durch Absätze treiben, die nicht zum Schweis geneigt, und besonders trocken an den Händen sind, und sich äusserst reinlich halten, nicht eher etwas genießen, als nachdem sie sich gewaschen haben, und nach vollbrachter Arbeit sich ganz umkleiden. Bey aller dieser Vorsicht wird sich dennoch niemand finden, der sagen kann, daß er alt dabey geworden, und es lange Jahre getrieben habe, die mehresten werden unvermögend, und zwar in kurzer Zeit, und geben den mitleidvollsten Anblick Ich habe Leute gesehen, die weder Trank noch Speise zum Mund zu bringen im Stande waren; so sehr hat sich der Mercurius durch den Odemzug und die Schweislöcher mit dem Blut des Menschen, vereinigt, und sie zitternd gemacht."''<ref>''Beyträge zur Geschichte der Künstler und Handwerker zu Fürth.'' In: Journal von und für Franken, Band 4, S. 708-728, 1792 - [http://www.ub.uni-bielefeld.de/diglib/aufkl/journalfranken/journalfranken.htm online-Digitalisat der Universität Bielefeld]</ref>
::''"Die Beleg-Arbeit ist die schädlichste Manipulation bey dieser Glasarbeit, und die schädlichste unter tausend andern Arbeiten. Nur in lüftigen hohen Zimmern, und von solchen Personen läßt sich diese Arbeit, und da nur durch Absätze treiben, die nicht zum Schweis geneigt, und besonders trocken an den Händen sind, und sich äusserst reinlich halten, nicht eher etwas genießen, als nachdem sie sich gewaschen haben, und nach vollbrachter Arbeit sich ganz umkleiden. Bey aller dieser Vorsicht wird sich dennoch niemand finden, der sagen kann, daß er alt dabey geworden, und es lange Jahre getrieben habe, die mehresten werden unvermögend, und zwar in kurzer Zeit, und geben den mitleidvollsten Anblick Ich habe Leute gesehen, die weder Trank noch Speise zum Mund zu bringen im Stande waren; so sehr hat sich der Mercurius durch den Odemzug und die Schweislöcher mit dem Blut des Menschen, vereinigt, und sie zitternd gemacht."''<ref>''Beyträge zur Geschichte der Künstler und Handwerker zu Fürth.'' In: Journal von und für Franken, Band 4, S. 708-728, 1792 - [http://www.ub.uni-bielefeld.de/diglib/aufkl/journalfranken/journalfranken.htm online-Digitalisat der Universität Bielefeld]</ref>


Es gab zwar Arbeitsschutzempfehlungen: kurze Arbeitszeiten, niedrige Raumtemperaturen, gute Raumlüftung und Baden nach der Arbeit.<!--tatsächlich? inwwieweit? Quelle?-->  Aber die Lebenserwartung der Arbeiter war trotzdem weiterhin sehr gering. Weil die Spiegel zudem häufig in Heimarbeit, z. B. auf dem Küchentisch hergestellt wurden, erkrankten ganze Familien.
Es gab zwar Arbeitsschutzempfehlungen: kurze Arbeitszeiten, niedrige Raumtemperaturen, gute Raumlüftung und Baden nach der Arbeit.<!--tatsächlich? inwwieweit? Quelle?-->  Aber die Lebenserwartung der Arbeiter war trotzdem weiterhin sehr gering. Weil die Spiegel zudem häufig in Heimarbeit, z.&nbsp;B. auf dem Küchentisch hergestellt wurden, erkrankten ganze Familien.


Auch Menschen, die selbst nicht direkt mit den Quecksilberarbeiten zu tun hatten, wurden mitunter geschädigt. So gab es im ''"Fürther Tagblatt"'' im März 1841 folgende Nachricht:  
Auch Menschen, die selbst nicht direkt mit den Quecksilberarbeiten zu tun hatten, wurden mitunter geschädigt. So gab es im ''„[[Fürther Tagblatt]]“'' im März 1841 folgende Nachricht:  
:''"Es ist ein Fall vorgekommen, daß bei einem Schuster, in dessen Werkstätte Quecksilberbeutel (Felle von Hundsleder, in denen das Quecksilber verpackt wird) verarbeitet wurden, ein Geselle und zwei Kinder mit der Mundfäule befallen wurden. Die angestellte Untersuchung solch eines Quecksilberbeutels ergab, daß derselbe 30 Gran Quecksilberstaub, welcher bekanntlich höchst nachtheilig auf die Gesundheit wirkt, enthielt, und mithin unterliegt es keinem Zweifel, daß solche Quecksilberbeutel auch bei der sorgfältigsten Reinigung der Gesundheit gefährlich werden können, da sie leicht eine Merkurialaffektion zur Folge haben können. Da es Pflicht der Polizeibehörde ist, jede sanitätspolizeiliche Einwirkung sorgfältigst zu verhindern, so wird es bei Vermeidung einer Strafe von 25 Reichsthalern hiermit verboten, die Quecksilberbeutel zu Fußbekleidungen, Handschuhen, oder sonstigen mit dem menschlichen Körper in nächster Berührung stehenden Kleidungsstücken zu verwenden."''<ref>''"Fürther Tagblatt"'' vom 12. März 1841, S. 210</ref>
:''"Es ist ein Fall vorgekommen, daß bei einem Schuster, in dessen Werkstätte Quecksilberbeutel (Felle von Hundsleder, in denen das Quecksilber verpackt wird) verarbeitet wurden, ein Geselle und zwei Kinder mit der Mundfäule befallen wurden. Die angestellte Untersuchung solch eines Quecksilberbeutels ergab, daß derselbe 30 [[wikipedia:Gran (Einheit)|Gran]] Quecksilberstaub, welcher bekanntlich höchst nachtheilig auf die Gesundheit wirkt, enthielt, und mithin unterliegt es keinem Zweifel, daß solche Quecksilberbeutel auch bei der sorgfältigsten Reinigung der Gesundheit gefährlich werden können, da sie leicht eine Merkurialaffektion zur Folge haben können. Da es Pflicht der Polizeibehörde ist, jede sanitätspolizeiliche Einwirkung sorgfältigst zu verhindern, so wird es bei Vermeidung einer Strafe von 25 Reichsthalern hiermit verboten, die Quecksilberbeutel zu Fußbekleidungen, Handschuhen, oder sonstigen mit dem menschlichen Körper in nächster Berührung stehenden Kleidungsstücken zu verwenden."''<ref>''"Fürther Tagblatt"'' vom 12. März 1841, S. 210</ref>


Obwohl Justus v. Liebig bereits 1835 entdeckt hatte, dass man mittels chemischer Reduktion von Silberionen durch Aldehyde einen Silberspiegel erzeugen kann und [[1854]] auf die technische Umsetzung das Patent erhielt, hat sich bis in die 1880er Jahre an den elenden Bedingungen in der Spiegelherstellung nichts Nennenswertes verbessert.
Obwohl [[wikipedia:Justus von Liebig|Justus von Liebig]] bereits 1835 entdeckt hatte, dass man mittels chemischer Reduktion von Silberionen durch Aldehyde einen Silberspiegel erzeugen kann und [[1854]] auf die technische Umsetzung das Patent erhielt, hat sich bis in die 1880er Jahre an den elenden Bedingungen in der Spiegelherstellung nichts Nennenswertes verbessert.


Dieser Umstand erscheint umso bedauerlicher, als bereits 1844 der [[Gewerbverein]] in seinem Gewerbvereins-Blatt eine englische Versuchsvorschrift für quecksilberfreie Spiegelversilberung vorgestellt hat und kurz danach der Fürther Apotheker Meier "mittels eines von der englischen Vorschrift abweichenden Verfahrens" eine Spiegelversilberung zustande gebracht hat.<ref>''Gewerbvereins-Blatt der Stadt Fürth'', Nr. 16, 1844, S. 64 - [http://www.bsb-muenchen-digital.de/~web/web1037/bsb10373830/images/index.html?id=10373830&fip=xdsydeayaxsqrsewqeayayztsxseayaxdsydeaya&no=80&seite=72 online-Digitalisat der Bayerischen Staatsbibliothek]</ref>
Dieser Umstand erscheint umso bedauerlicher, als bereits 1844 der [[Gewerbverein]] in seinem Gewerbvereins-Blatt eine englische Versuchsvorschrift für quecksilberfreie Spiegelversilberung vorgestellt hat und kurz danach der Fürther Apotheker Meier "mittels eines von der englischen Vorschrift abweichenden Verfahrens" eine Spiegelversilberung zustande gebracht hat.<ref>''Gewerbvereins-Blatt der Stadt Fürth'', Nr. 16, 1844, S. 64 - [http://www.bsb-muenchen-digital.de/~web/web1037/bsb10373830/images/index.html?id=10373830&fip=xdsydeayaxsqrsewqeayayztsxseayaxdsydeaya&no=80&seite=72 online-Digitalisat der Bayerischen Staatsbibliothek]</ref>
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Am 30. Juli 1889 kam eine staatliche Verordnung von Preußen, Bayern und Baden - „Die Einrichtung und den Betrieb der Spiegelbelegeanstalten
Am 30. Juli 1889 kam eine staatliche Verordnung von Preußen, Bayern und Baden - „Die Einrichtung und den Betrieb der Spiegelbelegeanstalten
betreffend". ''"Die drakonischen Bestimmungen trafen eine Industrie, die an sich schon schwer gegen das billigere Silberbelegen kämpfte, die neuen Auflagen, die alle bestehenden Belegen unmöglich machten und Neubauten erfordert hätten, glichen mehr einem Verbot des Quecksilberbelegens überhaupt."''<ref>Philipp Berlin: ''Die Bayerische Spiegelglasindustrie.'', 1909, S. 112 f. - [https://ia601307.us.archive.org/5/items/diebayerischespi00berl/diebayerischespi00berl.pdf zum online-Digitalisat]</ref>
betreffend". ''„Die drakonischen Bestimmungen trafen eine Industrie, die an sich schon schwer gegen das billigere Silberbelegen kämpfte, die neuen Auflagen, die alle bestehenden Belegen unmöglich machten und Neubauten erfordert hätten, glichen mehr einem Verbot des Quecksilberbelegens überhaupt.''<ref>Philipp Berlin: ''Die Bayerische Spiegelglasindustrie.'', 1909, S. 112 f. - [https://ia601307.us.archive.org/5/items/diebayerischespi00berl/diebayerischespi00berl.pdf zum online-Digitalisat]</ref>


Die Folgen dieser Vorkehrungen sowie der allgemein voranschreitenden Umstellung auf die Silberbelegung beschrieb Philipp Berlin 1909 folgendermaßen:
Die Folgen dieser Vorkehrungen sowie der allgemein voranschreitenden Umstellung auf die Silberbelegung beschrieb Philipp Berlin 1909 folgendermaßen:
::''"In den Jahren 1885—1890 sanken die Krankheitstage an Merkurialerkrankungen von 13,52 auf 0,66 für je 100 Arbeitstage und von 1891 ab kam überhaupt keine Quecksilbererkrankung mehr zur Anmeldung, der Merkurialismus in den Fürther Spiegelbelegen war erloschen."''
::''„In den Jahren 1885—1890 sanken die Krankheitstage an Merkurialerkrankungen von 13,52 auf 0,66 für je 100 Arbeitstage und von 1891 ab kam überhaupt keine Quecksilbererkrankung mehr zur Anmeldung, der Merkurialismus in den Fürther Spiegelbelegen war erloschen.''


Verschiedene Quellen schreiben, dass [[1886]] das Quecksilber-Verfahren verboten wurde.
Verschiedene Quellen schreiben, dass [[1886]] das Quecksilber-Verfahren verboten wurde.


Allerdings schreibt [[Philipp Berlin]] [[1909]], dass es in Fürth [[1888]] sogar noch 186 beschäftigte Quecksilberbeleger ([[1890]] noch 74, [[1893]] noch 27, [[1897]] noch 7) und 1909 noch zwei Quecksilberbelegen mit 4 Arbeitern gegeben habe. Diese hätten zwar "''keine Bedeutung mehr, sie beschäftigen im Ganzen nur 4 Arbeiter und sind nicht mehr ständig, sondern nur zeitweise im Betrieb."''<ref>Philipp Berlin: ''Die Bayerische Spiegelglasindustrie.'', 1909, S. 22 - [https://ia601307.us.archive.org/5/items/diebayerischespi00berl/diebayerischespi00berl.pdf zum online-Digitalisat]</ref> Dies zeigt, dass das Verbot offenbar nicht überall sofort umgesetzt wurde.  
Allerdings schreibt [[Philipp Berlin]] [[1909]], dass es in Fürth [[1888]] sogar noch 186 beschäftigte Quecksilberbeleger ([[1890]] noch 74, [[1893]] noch 27, [[1897]] noch 7) und 1909 noch zwei Quecksilberbelegen mit 4 Arbeitern gegeben habe. Diese hätten zwar ''„keine Bedeutung mehr, sie beschäftigen im Ganzen nur 4 Arbeiter und sind nicht mehr ständig, sondern nur zeitweise im Betrieb.''<ref>Philipp Berlin: ''Die Bayerische Spiegelglasindustrie.'', 1909, S. 22 - [https://ia601307.us.archive.org/5/items/diebayerischespi00berl/diebayerischespi00berl.pdf zum online-Digitalisat]</ref> Dies zeigt, dass das Verbot offenbar nicht überall sofort umgesetzt wurde.  


Bis in unsere Zeit müssen die Altlasten der Quecksilberspiegelherstellung sehr kostspielig saniert werden. Auch diese Problematik war durchaus früh absehbar: Dr. Beeg, 1857: ''"Während des Belegens verläuft sich bei aller Sorgfalt viel Quecksilber und dringt sogar durch die Fußböden."''<ref>J. K. Beeg: ''Die Fürther Spiegelmanufaktur.'' In: Jahresbericht der Königlichen Gewerb- und Handelsschule zu Fürth in Mittelfranken, 1856/57 - [http://www.mdz-nbn-resolving.de/urn/resolver.pl?urn=urn:nbn:de:bvb:12-bsb10340265-2 zum Online-Digitalisat der Bayerischen Staatsbibliothek]</ref>
Bis in unsere Zeit müssen die Altlasten der Quecksilberspiegelherstellung sehr kostspielig saniert werden. Auch diese Problematik war durchaus früh absehbar: Dr. Beeg, 1857: ''"Während des Belegens verläuft sich bei aller Sorgfalt viel Quecksilber und dringt sogar durch die Fußböden."''<ref>J. K. Beeg: ''Die Fürther Spiegelmanufaktur.'' In: Jahresbericht der Königlichen Gewerb- und Handelsschule zu Fürth in Mittelfranken, 1856/57 - [http://www.mdz-nbn-resolving.de/urn/resolver.pl?urn=urn:nbn:de:bvb:12-bsb10340265-2 zum Online-Digitalisat der Bayerischen Staatsbibliothek]</ref>


So z. B. das Amtshaus am [[Kohlenmarkt]] – heute [[Technisches Rathaus|Technische Rathaus]] –, das vormals das Wohnhaus und die Fabrik der Spiegelfabrikantenfamilie [[Bendit]] war, musste Ende des 20. Jahrhundert mit hohen technischen und zeitlichen Aufwand kostspielig saniert werden.  
So z. B. das Amtshaus am [[Kohlenmarkt]] – heute [[Technisches Rathaus]] –, das vormals das Wohnhaus und die Fabrik der Spiegelfabrikantenfamilie [[Bendit]] war, musste Ende des 20. Jahrhundert mit hohen technischen und zeitlichen Aufwand kostspielig saniert werden.  


Im Jahre 1982 wurden in einer Wohnung in der [[Blumenstraße 12]] (Hinterhaus) eine größere Menge Quecksilber (Hg) gefunden und zum Ordnungsamt gebracht, das Haus wurde jedoch weiter bewohnt.
Im Jahre 1982 wurden in einer Wohnung in der [[Blumenstraße 12]] (Hinterhaus) eine größere Menge Quecksilber (Hg) gefunden und zum Ordnungsamt gebracht, das Haus wurde jedoch weiter bewohnt.
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Obwohl die Quecksilberbelastungen seit langem bekannt waren, gab erst im März 1989 das Hochbauamt bei der Landesgewerbeanstalt (LGA) Quecksilber-Messungen im Rückgebäude des (damals sogenannten) [[Hirschenstraße 2, Kohlenmarkt 3|Amtshauses]] (am Kohlenmarkt) in Auftrag. Erste Messungen ergeben hohe Werte, die auch in weiteren Kontrolluntersuchungen bestätigt wurden. Im Mai 1989 wurden zwei Räume im Hinterhaus des Amtshauses geräumt (Zimmer 120 u. 217), weitere Räume folgten.  
Obwohl die Quecksilberbelastungen seit langem bekannt waren, gab erst im März 1989 das Hochbauamt bei der Landesgewerbeanstalt (LGA) Quecksilber-Messungen im Rückgebäude des (damals sogenannten) [[Hirschenstraße 2, Kohlenmarkt 3|Amtshauses]] (am Kohlenmarkt) in Auftrag. Erste Messungen ergeben hohe Werte, die auch in weiteren Kontrolluntersuchungen bestätigt wurden. Im Mai 1989 wurden zwei Räume im Hinterhaus des Amtshauses geräumt (Zimmer 120 u. 217), weitere Räume folgten.  


Im Juni 1989 stellte der Amtsarzt bei verschiedenen Beschäftigten erhöhte Quecksilberwerte fest, aus arbeitsmedizinischer Sicht müssten seiner Meinung nach die belasteten Räume saniert werden. Im Juni 1989 wurden die Mitarbeiter im Amtshaus offiziell über die Hg-Belastung informiert. Forderungen der Mitarbeiter nach einer Umsetzung in andere Räume wurden laut. Im  Juli 1989 mussten im Vordergebäude des Amtshauses in einigen Räumen ähnlich hohe Werte wie im Hinterhaus festgestellt werden. Im Boden eines Raumes von Zimmer 119 wurde der sehr hohe Wert von 2500 mg/kg gemessen. Gleichfalls im Juli 1989 schaltete der Personalrat den Bayerischen Gemeindeunfallversicherungsverband ein. Das Direktorium verfügte den Umzug einiger Dienststellen zum [[Kirchenplatz]]. Während im August 1989 das Arbeits- und Sozialmedizinische Institut der Universität Erlangen "keine alarmierenden Werte" bei den Angestellten fand, forderte im September 1989 die LGA eine sofortige Umsetzung der Mitarbeiter sowie sofortige Sanierungsmaßnahme. Am 30. November 1989 lag dem Umweltausschuss des Stadtrates ein Bericht über die Hg-Belastung im sog. Amtshaus vor.
Im Juni 1989 stellte der Amtsarzt bei verschiedenen Beschäftigten erhöhte Quecksilberwerte fest, aus arbeitsmedizinischer Sicht müssten seiner Meinung nach die belasteten Räume saniert werden. Im Juni 1989 wurden die Mitarbeiter im Amtshaus offiziell über die Hg-Belastung informiert. Forderungen der Mitarbeiter nach einer Umsetzung in andere Räume wurden laut. Im  Juli 1989 mussten im Vordergebäude des Amtshauses in einigen Räumen ähnlich hohe Werte wie im Hinterhaus festgestellt werden. Im Boden eines Raumes von Zimmer 119 wurde der sehr hohe Wert von 2500 mg/kg gemessen. Gleichfalls im Juli 1989 schaltete der Personalrat den Bayerischen Gemeindeunfallversicherungsverband ein. Das Direktorium verfügte den Umzug einiger Dienststellen zum [[Kirchenplatz]]. Während im August 1989 das Arbeits- und Sozialmedizinische Institut der Universität Erlangen "keine alarmierenden Werte" bei den Angestellten fand, forderte im September 1989 die LGA eine sofortige Umsetzung der Mitarbeiter sowie sofortige Sanierungsmaßnahme. Am 30. November 1989 lag dem Umweltausschuss des Stadtrates ein Bericht über die Hg-Belastung im sogenannten Amtshaus vor.


[[Bündnis 90/Die Grünen]] informierten im Januar 1990 in einer Veranstaltung mit Prof. [[Wikipedia:Armin Weiß|Armin Weiß]] über die Quecksilber-Belastung im Amtshaus und in mindestens 30 weiteren Gebäuden der Stadt: Im Januar 1990 gab die Stadt die „verbindliche Zusage“ für den Umzug von Ordnungsamt und Versicherungsamt in das Gebäude [[Kirchenplatz 2]] zum 19. Februar 1990.
[[Bündnis 90/Die Grünen]] informierten im Januar 1990 in einer Veranstaltung mit Prof. [[Wikipedia:Armin Weiß (Chemiker)|Armin Weiß]] über die Quecksilber-Belastung im Amtshaus und in mindestens 30 weiteren Gebäuden der Stadt: Im Januar 1990 gab die Stadt die „verbindliche Zusage“ für den Umzug von Ordnungsamt und Versicherungsamt in das Gebäude [[Kirchenplatz 2]] zum 19. Februar 1990.


Im Februar 1990 lag ein Gutachten des „Instituts für Umweltanalytik zu den Bodenuntersuchungen“ auf dem Gelände des Kohlenmarkts 3 vor: der Boden müsse saniert werden, da der Austrag von Quecksilber ins Grundwasser sehr wahrscheinlich sei. Das Gewerbeaufsichtamt verbot zur selben Zeit, Schwangere und Jugendliche im Amtshaus Kohlenmarkt zu beschäftigen.
Im Februar 1990 lag ein Gutachten des „Instituts für Umweltanalytik zu den Bodenuntersuchungen“ auf dem Gelände des Kohlenmarkts 3 vor: der Boden müsse saniert werden, da der Austrag von Quecksilber ins Grundwasser sehr wahrscheinlich sei. Das Gewerbeaufsichtamt verbot zur selben Zeit, Schwangere und Jugendliche im Amtshaus Kohlenmarkt zu beschäftigen.
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Am 4. März 1993 beriet der Umweltausschuss die Verträge für die Modellstudie im nichtöffentlichen Teil und am 10. März 1993 beschloss der Stadtrat den Vertrag für die Modellstudie zur Sanierung von zwei Häusern ([[Blumenstraße 16]] und [[Blumenstraße 18]]). Im Mai 1993 begannen in der Blumenstraße 16 und 18 die Sanierungsmaßnahmen.  
Am 4. März 1993 beriet der Umweltausschuss die Verträge für die Modellstudie im nichtöffentlichen Teil und am 10. März 1993 beschloss der Stadtrat den Vertrag für die Modellstudie zur Sanierung von zwei Häusern ([[Blumenstraße 16]] und [[Blumenstraße 18]]). Im Mai 1993 begannen in der Blumenstraße 16 und 18 die Sanierungsmaßnahmen.  


Im August 1993 waren die Quecksilber-Messungen in den Verdachtshäusern abgeschlossen, am 7. Oktober 1993 wurde der Umweltausschuss über die Ergebnisse informiert: 44 Gebäude waren kontaminiert, 39 davon befanden sich in der Alt- bzw. Innenstadt, drei nahe dem Stadtpark bzw. der Stadtgrenze und zwei Häuser in der Südstadt. Im Dezember 1993 erhielt die Bahnhofsmission nach einem gerichtlichen Vergleich 50.000 DM Schadensersatz von der Stadt zugesprochen.
Im August 1993 waren die Quecksilber-Messungen in den Verdachtshäusern abgeschlossen, am 7. Oktober 1993 wurde der Umweltausschuss über die Ergebnisse informiert: 44 Gebäude waren kontaminiert, 39 davon befanden sich in der Alt- bzw. Innenstadt, drei nahe dem [[Stadtpark]] bzw. der Stadtgrenze und zwei Häuser in der [[Südstadt]]. Im Dezember 1993 erhielt die Bahnhofsmission nach einem gerichtlichen Vergleich 50.000 DM Schadensersatz von der Stadt zugesprochen.


Im Frühjahr 1995 stellte die Landtagsabgeordnete [[Wikipedia:Sophie Rieger|Sophie Rieger]] auf Ansinnen der Fürther Grünen im Landtag den Antrag, im Haushalt 800.000 DM für die Sanierung der quecksilberbelasteten Häuser in Fürth einzustellen. Dies wurde abgelehnt und darauf verwiesen, dass im bereits bestehenden Haushaltstitel "Abfallwirtschaft" die notwendigen Gelder schon bereit stünden. Die Grünen in Fürth - dabei vor allem [[Rotraut Grashey]] - forderten daraufhin, dass die Mittel für die Entseuchung jener 42 Gebäude abgerufen werden, die als hoch quecksilberlastet eingestuft waren.<ref>Martin Möller: ''Gelder für die Beseitigung der Quecksilber-Altlasten''. In: Fürther Nachrichten vom 11. Mai 1995, S. 38.</ref>
Im Frühjahr 1995 stellte die Landtagsabgeordnete [[Wikipedia:Sophie Rieger|Sophie Rieger]] auf Ansinnen der Fürther Grünen im Landtag den Antrag, im Haushalt 800.000 DM für die Sanierung der quecksilberbelasteten Häuser in Fürth einzustellen. Dies wurde abgelehnt und darauf verwiesen, dass im bereits bestehenden Haushaltstitel „Abfallwirtschaft“ die notwendigen Gelder schon bereit stünden. Die Grünen in Fürth - dabei vor allem [[Rotraut Grashey]] - forderten daraufhin, dass die Mittel für die Entseuchung jener 42 Gebäude abgerufen werden, die als hoch quecksilberlastet eingestuft waren.<ref>Martin Möller: ''Gelder für die Beseitigung der Quecksilber-Altlasten''. In: Fürther Nachrichten vom 11. Mai 1995, S. 38.</ref>


Ab etwa 1995 verschwand die Quecksilberbelastung weitgehend aus den Schlagzeilen. Ob tatsächlich alle kontaminierten Gebäude saniert wurden, ist unklar.<ref>Quelle für die Darstellung 1982 bis 1993: [[Helga Krause]]: [http://www.dr-alexander-mayer.de/downloads/HG4.pdf Quecksilber-Chronologie] (PDF). Fürth 1995.</ref>
Ab etwa 1995 verschwand die Quecksilberbelastung weitgehend aus den Schlagzeilen. Ob tatsächlich alle kontaminierten Gebäude saniert wurden, ist unklar.<ref>Quelle für die Darstellung 1982 bis 1993: [[Helga Krause]]: ''Quecksilber-Chronologie''. In: Internetpräsenz [[Alexander Mayer|Dr. Alexander Mayer]], Fürth, vom 22. November 1995, aufgerufen am 22. Oktober 2025 - [http://www.dr-alexander-mayer.de/downloads/HG4.pdf online (PDF 71,37 kB)]</ref> Aber alle Gebäude, die bis Anfang des 20. Jahrhunderts Spiegelfabriken waren, mussten und müssen aufgrund der Quecksilberverseuchung saniert werden.


Im Gebäude [[Gustavstraße 44]] ist man erst 2021 auf Quecksilberrückstände gestoßen. Seitdem wird dieses Gebäude aufwendig saniert. Da es unter [[Denkmalschutz]] steht, darf es nicht abgerissen werden. Das bestehende Fachwerkhaus muss bis auf die Außenfassade zurückgebaut werden.<ref>''Quecksilbersanierung in der Gustavstraße''. In: [[Fokus Fürth]], Franken Fernsehen, TVF Fernsehen in Franken Programm GmbH, Nürnberg, vom 17. April 2025, aufgerufen am 20. Oktober 2025 -  
Im Gebäude [[Gustavstraße 44]] ist man erst 2021 auf Quecksilberrückstände gestoßen. Seitdem wird dieses Gebäude aufwendig saniert. Da es unter [[Denkmalschutz]] steht, darf es nicht abgerissen werden. Das bestehende Fachwerkhaus muss bis auf die Außenfassade zurückgebaut werden.<ref>''Quecksilbersanierung in der Gustavstraße''. In: [[Fokus Fürth]], Franken Fernsehen, TVF Fernsehen in Franken Programm GmbH, Nürnberg, vom 17. April 2025, aufgerufen am 20. Oktober 2025 -  
[https://www.frankenfernsehen.tv/mediathek/video/fokus-fuerth-quecksilbersanierung-in-der-gustavstrasse/ online]</ref>
[https://www.frankenfernsehen.tv/mediathek/video/fokus-fuerth-quecksilbersanierung-in-der-gustavstrasse/ online]</ref>
Aber alle Gebäude, die bis Anfang des 20. Jahrhunderts Spiegelfabriken waren, mussten und müssen aufgrund der Quecksilberverseuchung saniert werden.


==Literatur==
==Literatur==
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* [[Spiegelfabriken]]
* [[Spiegelfabriken]]
* [[Anwesen mit eventueller Quecksilberbelastung]]
* [[Anwesen mit eventueller Quecksilberbelastung]]
* [[Helga Krause]]
* [[Wikipedia:Quecksilber|Quecksilber]] ''(Wikipedia)''
* [[Wikipedia:Quecksilber|Quecksilber]] ''(Wikipedia)''
* [[wikipedia:Quecksilbervergiftung|Quecksilbervergiftung]]/Merkurialismus ''(Wikipedia)''
* [[wikipedia:Minamata-Krankheit|Minamata-Krankheit]] ''(Wikipedia)''


== Weblinks ==
== Weblinks ==
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<references />
<references />


[[Kategorie:Spiegelfabriken]]
[[Kategorie:Geschichte]]
[[Kategorie:Geschichte]]
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