Datei:Schreiben Rabbiner Neubürger für seine Schwägerin Helene Lichtenstädter (und auch Witwe Karoline Hartmann), 25. August 1895.pdf: Unterschied zwischen den Versionen

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|Beschreibung=Empfehlungsschreiben Neubürger für seine Schwägerin Helene Lichtenstädter auf die Stelle des Hospital-Verwalters
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''Fürth, den 25. August 1895.''</br>
''p 22/8 95''</br>
''An''</br>
''den verehrl. Vorstand der israel. Kultusge-''</br>
''meinde ''</br>
''Fürth''</br>
 
''Betreff;''</br>
''Ableben des Hospitalverwalters Matth.''</br>
''Lichternstadter hier.''</br>
 
''Im Auftrage meiner Schwägerin Helene''</br>
''Lichtenstädter und aller hinterbliebenen''</br>
''meines leider uns so rasch entrissenen''</br>
''Schwagers gestatte ich mir zunächst, Einem''</br>
''verehrl. Vorstand wie den übrigen Organen''</br>
''unserer Kultusgemeinde für das große''</br>
''Wohlwollen, das Sie dem Verplüten im''</br>
''Leben, und für alle Teilnahme, die Sie ihm''</br>
''und uns während seiner Krankheit und bei''</br>
''seiner Beerdigung zu erweisen die Güte''</br>
''hatten, unseren besten innigsten Dank aus-''</br>
''zusprechen. Lohne der Himmel Ihr Thun!''</br>
''Die reiche Anerkennung, welche die Arbeit unsers''</br>
''unvergeßlichen Teueren im Dienste der Gemein-''</br>
''de gefunden hat, ist Balsam auf unsere''</br>
''schwere Wunde, ein Trost in unsern herben''</br>
''Schmerze. Diese Anerkennung ist es aber auch,''</br>
''welche uns den Mut gibt, mit einer Bitte''</br>
''an Einen verehrl. Vorstand heranzutreten,''</br>
''deren Erfüllung uns ohne materielle Sorge''</br>
''in die Zukunft blicken ließe, dem Hospital''</br>
 
[Seite 2]</br>
''aber unsers Erachtens nicht nur keine Schädigung zufügen würde, sondern''</br>
''im Gegenteil zum Nutzen gereichen müßte.''</br>
''Durch die äußerste Anspannung aller seiner Kräfte in den verschiedenen''</br>
''Dienstesstellungen als Hospitalverwalter, dann als Sekretär und Kassier''</br>
''der Kultusgemeinde und als Sekretär des Unterstützungsvereins für arme''</br>
''Durchreisende, verbunden mit äußerster Sparsamkeit und ''</br>
''Anspruchslosigkeit,''</br>
''war es meinem Schwager zwar gelungen, jährlich kleine Ersparnisse zu''</br>
''machen – kleine, teils weil die Preise der Lebensmittel und besonders''</br>
''des Fleisches seit vielen Jahren (mit der einzigen Ausnahme einiger Monate''</br>
''im Sommer 1893) so hohe waren, daß die ihm für die Verköstigung der''</br>
''Hospitalisten gewährte Vergütung oft die Selbstkosten nur knapp deckte,''</br>
''teils weil die Erhaltung einer Familie von 6 Köpfen, die Erziehung der''</br>
''Kinder und das Halten einer jüdischen Köchin auf eigenen Kosten auch''</br>
''bei der größten Sparsamkeit eine Reihe von Ausgaben erfordert, die, obwohl''</br>
''einzeln nicht gerade groß, doch in der Summe einen ganz nennenswerten''</br>
''Betrag ausmachen. Allein auf diese geringen Ersparnisse sind in''</br>
''den letzten 5 Jahren teils durch die Aussteuer einer Tochter teils durch''</br>
''das Studium eines Sohnes auf ein Minimum reduzieret worden, so''</br>
''daß sie und die 5000 fl. Lebensversicherung, welche jetzt bezahlt''</br>
''wird, zur Erhaltung der hinterbliebenen Familie nicht ausreichen.''</br>
''Meine Schwägerin wäre also gezwungen, sowohl für sich als Witwe''</br>
''eines, wie allgemein anerkannt wird, im Dienste der Gemeinde treuen Beamtens,''</br>
''wie für ihre 84jährige Mutter als Witwe des früheren Hospitalverwalters''</br>
''Abr. Hartmann von der Gnade Eines verehrl. Vorstands eine Sustentation''</br>
''zu erbitten, wenn es nicht noch einen anderen Weg gäbe, der es ihr ermöglichte,''</br>
''sich durch eigenen und der übrigen Familienmitglieder Arbeit den Unterhalt zu''</br>
''verdienen und dabei den gemeinen Nutzen zu fördern: ihre Belassung''</br>
''auf dem Posten ihres sel. Mannes im Hospital.''</br>
''Küche, Wäsche, Reinhaltung des Hauses, Führung des Haushalts,''</br>
''Beheizung und Beleuchtung, dann die Überwachung des Personals und die''</br>
 
[Seite 3]</br>
''die Oberleitung der Pflege der Kranken und der Pfründler sind ja ohnehin''</br>
''nach der Natur der Sache Frauenarbeit und werden schon bisher von''</br>
''den 3 Frauen der Familie mit Unterstützung einer von ihnen selbst''</br>
''bezahlten Verwandten als Köchin in zufriedenstellender Weise geleistet.''</br>
''Ohne diese Leistung der weiblichen Familienmitglieder hätte ja auch''</br>
''mein sel. Schwager der Gemeindekanzlei nicht soviel Zeit und Kraft''</br>
''widmen können, als er es thatsächlich gethan hat. Diese Leistung''</br>
''aber ist meiner Schwägerin unter Beihilfe der andern Damen''</br>
''auch weiter mit aller Sorgfalt zu vollbringen bereit.''</br>
 
''Freilich ist dazu noch eine männliche Leitung und die Vertretung''</br>
''des Hospitals den Behörden gegenüber durch einen Mann, sowie die''</br>
''Erledigung der erforderlichen Schreibegeschäfte durch einen solchen nötig,''</br>
''soweit sich letztere nicht nach gewissen Schablonen vollziehen, dies würde''</br>
''der ergebenst Gefertigte mit Vergnügen und nach bestem Können''</br>
''gewissenhaftest leisten: ich bin bereit, mich als Verweser der Hospital=''</br>
''verwaltung verpflichten zu lassen, und gelobe ebenso, wie meine mehr''</br>
''erwähnten 3 verwandten Damen im Hospital, wenn Ein verehrl. Vorstand''</br>
''die Güte haben wollte, uns gemeinschaftlich den erledigten Dienst im''</br>
''Hospital zu belassen, bzw. zu übertragen, letzteren mit aller Kraft nach''</br>
''bestem Können gewissenhaftest zu versehen.''</br>
 
''Wir sind überzeugt, daß daraus, wie oben gesagt, dem Hospitale''</br>
''nicht nur kein Nachteil erwachsen kann, sondern sogar der Nutzen ent-''</br>
''stehen muß, daß die 33 jährige Erfahrung in seinem Dienst eingelebter''</br>
''Personen fortgenießt.''</br>
 
''Die Richtigkeit dieser Darstellung ist notorisch; sie würde aber auch nicht''</br>
''nur Her. J. J. Hirschmann auf Befragen bestätigen müssen, welcher viel''</br>
''Jahrzehnte hindurch Hospitalkommissär der Armenkommission und Synagogen''</br>
''kommissär der Hospitalsynagoge zugleich war und in dieser Eigenschaft''</br>
''fast täglich 2 mal, manchmal sogar noch öfter das Leben, Wirken und Treiben''</br>
 
[Seite 4]</br>
''in unserem Hospital gründlichst zu beobachten Gelegenheit hatte; auch''</br>
''sein Nachfolger als Hospitalkommissär der Armenkommission Herr''</br>
''S. S. Arnstein, welcher zwar, da er nicht zugleich auch Synagogenkommissär ''</br>
''in der Hospitalsynagoge ist, seltener in die Anstalt kommt, aber doch''</br>
''auch seine Inspektion pünktlichst versieht, würde auf Befragen''</br>
''sich in demselben Sinn äußern müssen.''</br>
 
''Selbstverständlich würde der letztgenannte Herr auch in Zukunft ganz''</br>
''wie bisher das Hospital beständig im Auge zu behalten und seine Inspek-''</br>
''tionen periodisch und in außerordentlichen Visitationen auszuüben haben durch den verehrl.''</br>
''Vorstand und durch die Armenkommssion, wie durch den Herrn Kgl.''</br>
''Gerichtsarzt und den Herrn Bürgermeister noch dazu können Visitationen''</br>
''jederzeit vorgenommen werden, wodurch nach wie vor alle Garantien für''</br>
''den regelmäßigen Fortgang des Dienstes in unserem Hospital gegeben''</br>
''erscheinen dürfte.''</br>
 
''Ein einziges Bedenken persönlicher und formaler Natur steht vielleicht der''</br>
''Erfüllung unserer Bitte in der angeregten Form entgegen, das nämlich, ob der''</br>
''ergebenst Gefertigte zu gleicher Zeit Verweser der israel. Hospitalverwaltung''</br>
''und Mitglied des städtischen Armenpflegschaftsrates sein kann. Bei''</br>
''Verneinung dieser Frage würde ich bitten, mich bis auf Weiteres von''</br>
''der Vertretung Eines verehrl. Vorstandes im städtischen Armenpflegschafts-''</br>
''rate, derjenigen meiner Funktionen, welche mir notorisch am wenigsten''</br>
''Veranlassung gibt, Gutes zu wirken, zu entheben.''</br>
 
''Hienach erlaube ich mir Namens meiner Schwägerin die innige''</br>
''Bitte, verehrl. Vorstand wolle mit Genehmigung des größeren Verwaltungs-''</br>
''ausschusses beschließen:''</br>
''1.) als Verwesen der israel. Hospitalverwaltung hier sei der''</br>
''ergebenst Gefertigte aufzustellen und zu Erfüllung aller''</br>
''Obliegenheiten eines solchen mit der Maßgabe zu verpflichten, daß ''</br>
''2.) demselben gestattet sei,''</br>
 
[Seite 5]</br>
''a) persönlich nur die volle Verantwortung für die''</br>
''Führung der gesamten Geschäfte der Hospitalverwaltung vor''</br>
''Gott und den Menschen zu tragen, die Oberleitung und''</br>
''Beaufsichtigung dieser Geschäfte zu führen und alle Ausfertigungen''</br>
''mit seinem Namen zu zeichnen,''</br>
''b) die eigentlich Haus= und Küchenarbeit p. p. aber''</br>
''durch die Hospitalverwalters Witwe Helen Lichtenstädter ''</br>
''und die mit derselben im Familienverband lebenden''</br>
''weiblichen Familienglieder ganz wie bisher leisten zu lassen;''</br>
''3.) Frau Helene Lichtenstädter bleibt dafür im vollen Bezug''</br>
''des Gehaltes und der Vergütung für die Kostlieferung, wie diese''</br>
''Bezüge von ihrem verstorbenen Ehemann bezogen worden waren,
endlich''</br>
''4.) die von dem verstorbenen Herrn Matth. Lichtenstädter errichte-''</br>
''te Kaution bleibt aufrecht erhalten.''</br>
 
''Die Kompetenzen zur Aufsicht über das Spital bleiben selbstver-''</br>
''ständlich unverändert.''</br>
 
''Mit der Erfüllung dieser Bitte würde der Dienst in unserem''</br>
''Hospital sicherlich mindestens nicht leiden; es würde dadurch der Gemeinde''</br>
''die Gewährung von Sustentationen an die beiden Hospitalverwalters-''</br>
''witwen Karolina Hartmann und Helene Lichtenstädter letztere auch''</br>
''zugleich in ihrer Eigenschaft als Sekretärs und Kassierswitwe erspart''</br>
''bleiben; es würde die trauernde Familie eines treuen Gemeindebedienst-''</br>
''eten aus ihrer bedrängten Lage gerissen werden und noch dazu in einer''</br>
''Weise, welche es ihr ermöglichte, anstatt von einer Sustentation viel-''</br>
''mehr von ihrer Hände Arbeit zu leben; es würden endlich dadurch die''</br>
''treuen Dienste eines Gemeinde bediensteten ihre – darf ich als Verwandter''</br>
''das Wort aussprechen ? – wohlverdiente Anerkennung finden.''</br>
 
''Hochachtungsvollst !''</br>
''Dr. Neubürger.''
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