eine höhere Bildung und einen allgemeinen universitären Zugang zu ermöglichen,122 wurde in Fürth durch Stadtschulrat Dr. Bernhard Bauer (1857-1913) schon 1906 in einer Denkschrift klargestellt, dass es einer städtischen höheren Mädchenschule ermangele.123 Zusammen mit Initiativen der bürgerlichen Sozialreform, die unter dem Motto „Weder Kapitalismus noch Sozialismus“ einen „Dritten Weg“ verfolgte124 und in der Stadt Fürth durch Stiftungen und soziale Aktivitäten von Kaufleuten und Unternehmern seit längerem fest verankert war, entstand nach der Gründung des Volksbildungsvereins 1904 und der Einweihung des auf einer Stiftung beruhenden Volksbildungsheims (Berolzheimerianum) mit Bibliothek, Lesesaal für 120 Personen und Vortragssaal für 800 Personen 1906 in den folgenden Jahren am Tannenplatz in der Nähe des Stadtparks und des dort 1906 in einem eigenen Gebäude untergebrachten Mädchenhorts125 ein Zentrum für Wöchnerinnen und Säuglinge sowie für höhere Mädchenbildung, das aus mehreren und im Sinne der Zeit architektonisch und technisch hochmodern gestalteten und ausgestatteten Gebäuden bestand: -
1907 die städtische Höhere Mädchenschule, der eine kaufmännische Handelsschule für Mädchen angeschlossen war, die aufgrund des starken Andrangs von Schülerinnen 1909 ein eigenes Gebäude erhielt, ein Wöchnerinnen- und Säuglingsheim (Nathan-Stift), das im Dezember 1909 eröffnetet wurde.
122Im deutschsprachigen Raum hatte die Universität Zürich in der Schweiz 1867 erstmals den Promoti-
onsantrag einer Frau im Fach Medizin zugestimmt und sie promoviert. Ihr folgten .in den 1870er Jahren zu Studien- und Promotionszwecken weitere Frauen aus dem Ausland, darunter auch Emilie Lehmus aus Fürth. In Deutschland begann die Öffnung der Universitäten für Frauen erst Ende des 19. Jahrhunderts mit der Zulassung als Gasthörerinnen, wie 1896 in Preußen. Danach wurden in den Jahren 1900 in Baden und 1904/1905 in Württemberg erstmals Frauen als reguläre Hörerinnen und Studentinnen zugelassen, worauf Preußen diesem Schritt 1908 folgte. Vgl. den Artikel Frauenstudium im deutschen Sprachraum, in: www.wikipedia.de, hier: Ausdruck vom 14.03.2017. Siehe zu Emilie Lehmus auch: Barbara Ohm, Fürth. Geschichte der Stadt, Fürth 2007, S.263: Emilie Lehmus (1841-1932) hatte als dritte der sechs Töchter des evangelischen Stadtpfarrers zunächst eine höhere Mädchenausbildung in Paris absolviert und danach als Lehrerin in Fürth gearbeitet. 1870 nahm sie ein Medizinstudium in Zürich auf und wurde dort nach Einreichen einer Dissertation und Ablegen eines mündlichen Rigorosums 1874 als Dr. med. promoviert. Anschließend arbeitete sie in Prag und Dresden und eröffnete 1876 zusammen mit ihrer Kommilitonin Franziska Tiburti eine Praxis für Kinder- und Frauenheilkunde in Berlin, aus der sie nach einer Erkrankung 1908 ausschied und danach in München und Gräfenberg lebte. 123Emil Ammon, 400 Jahre Schule in Fürth, in: Stadt Fürth (Hrsg.), Fürth und seine Schulen. Vom Schulmeister zum Schulzentrum, Fürth 1974, S.6-29, hier: S.24: „Damit artikulierte er die Rufe der Frauenbewegung nach einer zeitgemäßen höheren Mädchenbildung.“ 124Vgl. dazu: Rüdiger vom Bruch (Hrsg.), Weder Kapitalismus noch Sozialismus. Bürgerliche Sozialreform in Deutschland vom Vormärz bis zur Ära Adenauer, München 1985. 125Vgl.: Renate Trautwein, 1000 Fürther FrauenLeben. Eine ergänzende Spurensuche, Nürnberg 2007, S.104: In Fürth war bereits 1851 der Verein Arbeitsschule Mädchenhort gegründet worden, der nach seiner Vereinssatzung das Ziel verfolgte, schulpflichtige Mädchen während der schulfreien Zeit in seinem Haus zu beaufsichtigen, sie an Ordnung, Tüchtigkeit, gute Sitten und Reinlichkeit zu gewöhnen und die Einflüsse nachteiliger Gesellschaft von ihnen abzuhalten. Fortan konnten schulpflichtige Mädchen beim Verein Arbeitsschule Mädchenhort in der schulfreien Zeit ihre Hausaufgaben erledigen, die traditionellen nützlichen weiblichen Handfertigkeiten wie Nähen, Sticken, Häkeln und Stricken erlernen sowie sich mit Lektüre und Musik beschäftigen. Im Jahr 1905 wurde dem Verein von der Stadt Fürth ein 550 Quadratmeter großes Grundstück im östlichen Stadtpark überlassen, wo er bis 1906 ein Gebäude mit Treppenhalle und Garderobe, zwei Schulsälen (Gruppenräumen) für 55 Kinder und einer Hausmeisterwohnung errichtete.
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