Bei der Wiedereröffnung der Schulen, auf die sich Amerikaner und Briten am 16. Juni 1945 verständigt hatten,502 war der mit der Entnazifizierung und Entlassung von Lehrern verbundene Lehrermangel, den man mit der Reaktivierung von Lehrern, die 1933 von den Nationalsozialisten entlassen worden waren, und der Einführung von Abiturientenkursen zur Lehrer- und Schulhelferausbildung mit neuen Inhalten zu kompensieren versuchte,503 nicht das einzige Problem. Ein weiteres Problem bestand darin, dass durch das Verbot nationalsozialistischer Schulbücher kaum Lehr- und Lernmittel vorhanden waren, weshalb die Amerikaner bis 1. Oktober 1945 für ihre Besatzungszone 21 Schulbuchtypen aus der Zeit der Weimarer Republik für alle acht Jahrgangsstufen der Volksschulen in einer Gesamtauflage von 5 Millionen Stück auf den Druckmaschinen des Völkischen Beobachters in München nachdruckten.504 Ein drittes Problem waren die Schulgebäude, von denen infolge Zerstörung, Beschädigung oder anderweitiger Belegung in Bayern allein im Bereich der Volksschulen rund 30 % des vorherigen Bestandes bei der im September 1945 beginnenden Wiedereröffnung der Schulen nicht zur Verfügung standen.505 Auch in Fürth war der Zustand der Volksschulgebäude damals äußerst prekär, da -
bei der Mädchenschule am Kirchenplatz die Nordwand durch Kriegsschäden eingerissen war und die Knabenschule am Kirchenplatz während des Krieges als Munitionslager gedient hatte, die Schule an der Ottostraße durch Bombentreffer teilzerstört war, in der Schule an der Rosenstraße zunächst Volkssturm und danach Polizei sowie in der Schule an der Pfisterstraße zunächst ausgebombte Familien aus Nürnberg und später amerikanische Soldaten untergebracht waren, sich in den Schulen an der Mai- und Pestalozzistraße Lazarette befanden, in der Schule an der Frauenstraße bis 1946 Esten und Polen und in den Schulen in Dambach und Burgfarrnbach Flüchtlinge untergebracht waren,
weshalb in Fürth der Unterrichtsbeginn im September 1945 nur in der Pestalozzi-, der Otto- und Rosenschule sowie in der Dambacher und der Burgfarrnbacher Schule möglich war.506
502Vgl. Ebd., S.639. 503Vgl.: Ebd., S.516: „In Würzburg wurde noch im Juli 1945 mit Sechswochenkursen die erste Lehrer-
bildungsstätte mit 80 Studenten, die man aus 2350 Bewerbern ausgesucht hatte, eröffnet (…) und man begann bereits mit neuen Inhalten, die pädagogische Psychologie, Geschichte der Erziehung, Schulverwaltung, Lehrmethoden und praktischen Unterricht umfassten … Pensionierte Lehrer wurden reaktiviert und die Notlagen auf dem Lande wie in alten Zeiten durch Wanderlehrer abzudecken gesucht … Im Oktober 1945 konnte ein weiteres Lehrerseminar in Straubing eröffnet werden … In Bamberg und Coburg wurden mangels Lehrer Schulhelferseminare eingerichtet (…) … Weitere Lehrerseminare wurden u.a. in Erlangen, Bayreuth, Neuendettelsau und in Eichstätt im Februar 1946 eröffnet. Im April 1946 waren in Bayern 18 Lehrerseminare in Betrieb.“ Siehe auch: Max Eichler, Der Wiederaufbau des Fürther Schulwesens nach 1945, in: Stadt Fürth (Hrsg.), Fürth und seine Schulen. Vom Schulmeister zum Schulzentrum, Fürth 1974, S.30-42, hier: S.30: „So richtete das Bayerische Staatsministerium für Unterricht und Kultus Abiturientenlehrgänge ein, um möglichst rasch zu neuen Lehrkräften zu kommen. Auch in Fürth besuchten 60 Abiturienten in den Jahren 1946/47 einen solchen Lehrgang.“ 504Vgl.: Max Liedtke (Hrsg.), Handbuch der Geschichte des Bayerischen Bildungswesens, Band 3: Geschichte der Schulen in Bayern. Von 1918 bis 1990, Bad Heilbrunn/Oberbayern 1997, S.514. 505Vgl.: Ebd., S.549. 506Vgl.: Barbara Ohm, Fürth. Geschichte der Stadt, Fürth 2007. S.321.
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