Vor diesem Hintergrund wurde die Mobilisierung einfach und höher qualifizierter Arbeitskräfte in der Bundesrepublik zu einer zentralen Frage der wirtschaftlichen Entwicklung und der Fortführung des von Bundeswirtschaftsminister Ludwig Erhard in einer Buchveröffentlichung 1957 propagierten Wohlstandes für alle.631 Zur Mobilisierung einfach qualifizierter Arbeitskräfte war aufgrund der ab Mitte der 1950er Jahre bestehenden Vollbeschäftigung schon 1955 ein erstes Abkommen zur Anwerbung ausländischer Arbeitskräfte mit Italien geschlossen worden, dem 1960 Abkommen mit Griechenland und Spanien sowie nach dem Mauerbau vom 13. August 1961 weitere Abkommen mit der Türkei 1961, mit Marokko 1963, mit Portugal 1964, mit Tunesien 1965 und mit Jugoslawien 1968 folgten.632 Im Oktober 1964 umfasste die von der Bundesregierung als wichtig eingeschätzte Beschäftigung ausländischer Arbeitskräfte bereits eine Million Personen,633 doch waren die ausländischen Arbeitnehmer 1966 zu 90 % als Arbeiter und zu 72 % nur als an- oder ungelernte Arbeiter beschäftigt,634 was zu einer Ausdifferenzierung der Beschäftigtenstruktur und einem sozialen Mobilitätsschub mit zusätzlichen Qualifikationsanforderungen bei der einheimischen Bevölkerung führte. “In den 60er Jahren bildete sich also in den Gastarbeitern ein Subproletariat vorwiegend schlecht qualifizierter Hilfsarbeiter heraus, das fehlende deutsche Arbeitskräfte in den unteren Bereichen der Arbeitsplatzhierarchie ersetzte, zum anderen aber die Voraussetzungen für einen massiven sozialen Mobilitätsschub der deutschen Arbeitnehmer schuf.“635 Abgesehen von dem mit der Beschäftigung einfach qualifizierter ausländischer Arbeitnehmer verbundenen sozialen Mobilitätsschub deutscher Arbeitnehmer erforderte die Herausbildung höher qualifizierte Arbeitskräfte nach dem Mauerbau auch eine umfassende Bildungs- und Qualifizierungsoffensive. Am vehementesten wurde dieser Gedanke 1964 von Georg Picht (1913-1982) in einer Buchveröffentlichung zur deutschen Bildungskatastrophe formuliert, in der er die im internationalen Vergleich zu niedrigen Bildungsausgaben, die zu geringe Abiturentenquote und die zu großen Bildungsunterschiede zwischen Stadt und Land in der Bundesrepublik Deutschland kritisierte und eine grundlegende Reform des dreigliedrigen Schulsystems und der Erwachsenenbildung forderte, weil ansonsten wesentliche Nachteile im internationalen Wettbewerb für die Wirtschaft zu befürchten seien.636 Ähnlich äußerte sich im Februar 1964 auch Kultusminister Maunz in der Haushaltsrede vor dem bayerischen Landtag, als er darauf hinwies, dass nach einer 1963 durchgeführten Umfrage immerhin 50,7 Prozent der Erziehungsberechtigten für den Besuch der Mittelschule votiert hätten.637 Daneben bezeichnete er die Leistungsfähigkeit im internationalen Vergleich als Triebfedern, um 631Vgl.: Ludwig Erhard, Wohlstand für alle, Düsseldorf 1957. 632Vgl.: Ulrich Herbert, Geschichte der Ausländerpolitik in Deutschland. Saisonarbeiter, Zwangsarbeiter,
Gastarbeiter, Flüchtlinge, München 2001, S.206-208. Ebd. S..210: „Anläßlich der Beschäftigung des einmillionsten Gastarbeiters im Herbst 1964 schrieb Arbeitsminister Blank: ‚Diese Million Menschen auf deutschen Arbeitsplätzen trägt mit dazu bei, dass unsere Produktion weiterwächst, unsere Preise stabil und unsere Geltung auf dem Weltmarkt erhalten bleibt‘.“ 634Vgl.: Ebd., S.213. 635Ebd., S.214. Siehe auch ebd., S.213: „Insgesamt stiegen nach den Berechnungen des Soziologen Friedrich Heckmann zwischen 1960 und 1970 etwa 2,3 Millionen Deutsche von Arbeiter- zu Angestelltenpositionen auf.“ 636Vgl.: Georg Picht, Die deutsche Bildungskatastrophe. Analysen und Dokumentationen, Freiburg/Breisgau 1964. 637Vgl.: Max Liedtke (Hrsg.), Handbuch der Geschichte des Bayerischen Bildungswesens, Band 3: Geschichte der Schulen in Bayern. Von 1918 bis 1990, Bad Heilbrunn/Oberbayern 1997, S.748. 633Vgl.:
138