ausnutzen, auch wenn das mehr soziale Not und mehr politische Radikalisierung bedeutete. Das war die politische Linie, mit der die Regierung Brüning in die Reparationsverhandlungen des Jahres 1932 zu gehen gedachte.“278 Die politische Linie des Ausnutzens der wirtschaftlichen Krise, die seit März 1930 eine Verdoppelung der Arbeitslosigkeit von drei auf sechs Millionen Personen, Kurzarbeit, Sozialleistungs-, Besoldungs- und Lohnkürzungen sowie zahlreiche vor den Ruin stehende selbstständige Bauern, Händler und Handwerker produziert hatte, war zugleich das Wasser auf die Propagandamühlen der NSDAP, die bei der Reichstagwahl am 14. September 1930 bereits zweitstärkste Fraktion geworden war.279 Bei einer Besprechung zwischen Reichskanzler Brüning und führenden Wirtschaftsvertretern war am 30. Juli 1931 zwar erstmals eine Abkehr von der Deflationspolitik ins Gespräch gebracht worden.280 Aber aufgrund inflationistischer Befürchtungen standen sowohl Reichskanzler Brüning als auch die SPD-Reichstagsfraktion Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen eher skeptisch gegenüber, während sich die NSDAP ab Frühjahr 1932 zunehmend als Arbeitsbeschaffungspartei profilierte und bei den Landtagswahlen in Preußen, Bayern, Württemberg, Anhalt und Hamburg am 24. April 1932 erhebliche Stimmengewinne erzielte.281 Um Hitler zu verhindern, hatte die SPD bei der zuvor stattgefundenen Reichspräsidentenwahl auf einen eigenen Kandidaten verzichtet und ebenso wie Zentrum und BVP Reichspräsident von Hindenburg unterstützt, der im ersten Wahlgang am 13. März 1932 einen Stimmenanteil von 49,6 % (Hitler 30,1 %, Thälmann/KPD 13,2 %, Duesterberg/Stahlhelm 6,8 %) erreichte und schließlich im zweiten Wahlgang am 10. April 1932 mit einem Stimmenanteil von 53,0 % (Hitler 36,8 %, Thälmann/KPD 10,2%) und damit der erforderlichen absoluten Mehrheit wiedergewählt wurde.282 Danach nahm der Reichspräsident das gute Abschneiden der NSDAP bei der Landtagswahl in Preußen zum Anlass, gegenüber Reichskanzler Brüning darauf zu drängen, dass das Zentrum die bisherige Koalition mit der SPD unter dem sozialdemokratischen Ministerpräsidenten Otto Braun (1872-1955) auflöste und eine Koalition mit der NSDAP einging und den Ministerpräsidenten stellte. Als Brüning in einer Unterredung beim Reichspräidenten am 29. Mai 1932 nicht sogleich zustimmte, entzog dieser der Regierung die Erlaubnis, Notverordnungen zu erlassen, worauf das Kabinett am 30. Mai 1932 geschlossen zurücktrat.283
278Ebd., S.470. Die Reparationsverhandlungen waren für Juni 1932 in Lausanne vorgesehen. 279Vgl.: Götz Aly; Warum die Deutschen? Warum die Juden? Gleichheit, Neid und Rassenhass, Frank-
furt/Main 2011, S.243f.: „Erst nach dem Beginn der Weltwirtschaftskrise trat die NSDAP aus dem Schatten der Bedeutungslosigkeit. Ihre politische Popularität gewann die NSDAP als gesamtdeutsche Protestpartei im Zeichen des allgemeinen wirtschaftlichen Niedergangs… Jeder zweite abhängig Beschäftigte wurde arbeitslos. Diejenigen, die ihren Arbeitsplatz behalten konnten, hatten Kurzarbeit und erhebliche Lohneinbußen hinzunehmen. Die deutsche Industrieproduktion ging um 40 Prozent zurück, die Realeinkommen sanken um ein Drittel.“ 280Vgl.: Heinrich August Winkler, Der Weg in die Katastrophe. Arbeiter und Arbeiterbewegung in der Weimarer Republik 1930 bis 1933, 2. vollständig durchgesehene und korrigierte Auflage, Berlin 1990, S.380: „Der Braunkohlenindustrielle Paul Silverberg hielt es geradezu für selbstverständlich, ‚dass man eine ausgesprochene Deflation nur mit Mitteln bekämpfen kann, die wie eine Inflation aussehen. Man muss nur verhüten, dass die inflationistischen Dinge dauernd wirken‘.“ 281Vgl.: Ebd., S.541 und S.545. 282Vgl.: Ebd., Kapitel Schlagt Hitler! Wählt Hindenburg! Die Reichspräsidentenwahl vom Frühjahr 1932, S.511-532. 283Vgl.: Ebd., S.571-574.
65