Der Reichsprogromnacht vom 9./10. November folgten sogleich weitere Gesetze und Verordnungen gegen die jüdische Bevölkerung im gesamten Reich. „Am 11. November wurde die ‚Verordnung zur Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben‘ erlassen, durch die alle jüdischen Geschäfte und Handwerksbetriebe schließen mussten; am 12. November kam das Verbot, Theater, Kino, Konzerte usw. zu besuchen; ebenfalls am 12. November wurde den jüdischen Kindern der Besuch ‚deutscher Schulen’ nicht mehr gestattet; am 3. Dezember wurde die Entziehung der Führerscheine verordnet; ebenfalls am 3. Dezember kam die ‚Verordnung über den Einsatz jüdischen Vermögens‘ heraus. Damit begann die ‚Arisierung‘. Alle Häuser, Gewerbebetriebe, Fabriken usw. mussten verkauft werden; ebenso Wertgegenstände wie Aktien, Juwelen und Kunstgegenstände… 1933 hatte Fürth ca. 77000 Einwohner, davon 1990 jüdischen Glaubens. Viele von ihnen ergriffen die Möglichkeit zur Emigration. 1939 waren nur noch 975 in Fürth verblieben…. Sie mussten aufgrund des ‚Gesetzes über die Mietverhältnisse‘ vom April 1939 ihre Wohnungen aufgeben und in eigens ausgewiesene ‚Judenhäuser‘ ziehen.“409 Neben den Maßnahmen gegen die jüdische Bevölkerung kam es am 1. Februar 1939 zu einem Erlass des Reichserziehungsministers zur Errichtung von Haushaltungs-, Kinderpflegerinnen- und Hausgehilfinnen-Schulen als Berufsfachschulen und von daran oder an den fünfjährigen Besuch einer Mädchenoberschule anschließenden Frauenfachschulen als weiterführende Berufsfachschulen mit einoder zweijähriger Schuldauer und Vollzeitunterricht.410 In Fürth wurde daraufhin die 1907 gegründete Frauenarbeitsschule der Schwestern Edelmann - die 1922 mit dem Gebäude Pfisterstraße 48 und dem Lehrpersonal von der Stadt übernommen und
Hitler und Goebbels, die zur Gedenkfeier an den Hitler-Putsch vom 9. November 1923 in München weilten, reichsweite „Sühneaktionen“ gegen alle Juden an. Die Mobilisierung der SA - deren Stärke nach der Verhaftung und Ermordung der gesamten SA-Führung am 30. Juni 1934 beim von Hitler zur Begründung der Mordaktionen erfundenen „Röhm-Putsch“ unter der neuen SA-Führung von 2,6 Millionen Männer 1934 auf 1,2 Millionen Männer im April 1938 abgenommen hatte - war dabei relativ einfach, weil sich die SA-Männer zum Gedenken an den Hitler-Putsch vom 9. November 1923 überall zu Kameradschaftstreffen zusammengefunden hatten. Sie kamen allerdings auf ausdrückliche Anweisung nicht in ihren Heimatorten, sondern nur in jeweils benachbarten Orten oder benachbarten Landkreisen zum Einsatz. 409Vgl.: Barbara Ohm, Fürth. Geschichte der Stadt, Fürth 2007, S. 308f.: Ergänzend anzumerken ist, dass sich die „Judenhäuser“ in den Anwesen Lindenstraße 22 als Wohnheim, Friedrichstraße 14, Bahnhofsplatz 1 und 4, Julienstraße 2, Hindenburgstraße 3 (nach 1945 umbenannt in Rudolf-Breitscheid-Straße), Adolf-Hitler-Straße 26 und 32 (nach 1945 wieder Königswarterstraße) und Holzackerstraße 40 befanden. Die Holzackerstraße führte einst vom Haltepunkt der Eisenbahn in Dambach zur Alten Veste, wurde später durch den Bau der Grundig-Villa (Holzackerstraße 50), des Main-DonauKanals und der Südwesttangente weitgehend zergliedert und ist seit 2012 durch die Wohnbebauung auf dem Gelände der ehemaligen Grundig-Villa und neue Erschließungsstraßen komplett verschwunden. Siehe zur Arisierung auch: Siegfried Imholz, Die Arisierung in Fürth – Eine Skizze, in: Mathias Henkel, Eckhardt Diezfelbinger (Hrsg.), Entrechtet. Entwürdigt. Beraubt. Die Arisierung in Nürnberg und Fürth. Begleitbuch zur Ausstellung im Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände Nürnberg (17. November 2012 bis 31. Juli 2013), Petersberg 2012, S.57-69, hier: S.60: „Ein wichtiges Instrumentarium bildeten die Regelungen gegen Devisen- und Kapitalflucht bei Emigranten, die sich wegen der NSPolitik zur Ausreise gezwungen sahen. Um sie auszurauben, dehnte der NS-Staat die seit 1931 geltende Reichsfluchtsteuer zur Vermeidung von Kapitalflucht auch auf geringe Vermögen und Jahreseinkommen aus. Ihre Festsetzung und Erhebung lag bei den Finanzbehörden. Für Juden lagen die die realen Werteinbußen bereits 1935 bei etwa 80 Prozent, 1939 bei 90 Prozent.“ 410Vgl.: Max Liedtke (Hrsg.), Handbuch der Geschichte des Bayerischen Bildungswesens, Band 3: Geschichte der Schulen in Bayern. Von 1918 bis 1990, Bad Heilbrunn/Oberbayern 1997, S.217.
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