In Fürth zeigten sich die Auswirkungen des Krieges an der Einführung von Lebensmittelkarten, die das Ernährungsamt der Stadt einen Tag vor Kriegsbeginn bekanntgegeben hatte,420 und an der Einberufung von Lehrern und Beamten zur Wehrmacht.421 Daneben musste die Stadtverwaltung Personal zur Verwaltung der besetzten polnischen Gebiete, die entweder dem Großdeutschen Reich angegliedert oder wie das „Generalgouvernement“ nicht angegliedert wurden, zur Verfügung stellen. Als einer der ersten der 448 Beamten, 341 Angestellten und 549 Arbeitern, die 1938 bei der Stadt Fürth tätig gewesen waren,422 ging im Oktober 1939 Oberbürgermeister Jakob zusammen mit Stadtarchivar Dr. Schwammberger und einigen Mitarbeitern des Bauamtes als Stadtkommissar in die wieder an das Reich angegliederte Stadt Thorn,423 die mit 77.000 Einwohner/innen damals etwa über die gleiche Bevölkerungszahl wie die Stadt Fürth verfügte.424 Außerdem gehörte Thorn zum Gaugebiet von Albert Forster, den Hitler am 26. Oktober 1939 zum Reichstatthalter in Danzig-Westpreußen ernannte.425 In Fürth wurde die Stelle des Oberbürgermeisters nach dem Weggang von Franz Jakob nicht mehr besetzt. Vielmehr führte der Verwaltungsjurist und zweite Bürgermeister, Dr. Karl Häupler (1906-1945), die Amtsgeschäfte erst einmal weiter, bis er im Mai 1944 durch das bayerische Innenministerium auch offiziell mit der kommissarischen Wahrnehmung aller Aufgaben des Leiters der Stadt Fürth beauftragt wurde.426 Ähnlich wie im Ersten Weltkrieg führten die Auswirkungen des Krieges im Schulwesen der Stadt zu zunehmenden Einschränkungen. Dabei blieben bereits im Winter 1939/40 das seit einem Jahr die Bezeichnung Deutsche Oberschule führende und erst ab dem Schuljahr 1940/41 reaktivierte humanistische Gymnasium an der Königstraße sowie die Mädchenoberschule mit angeschlossener Handelsschule am Tannenplatz nach den Weihnachtsferien von Januar bis März 1940 wegen Kohlemangels geschlossen. Da das Schulgebäude der Mädchenoberschule teilweise als Reservelazarett genutzt wurde, musste der Unterricht für die Mädchen zum Teil nachmittags an der Oberschule für Jungen an der Kaiserstraße abgehalten werden.427 Außerdem galt 420Vgl.: Barbara Ohm, Fürth. Geschichte der Stadt, Fürth 2007, S. 311. 421Vgl.:
Helene-Lange-Gymnasium (Hrsg.), 100 Jahre Helene-Lange-Gymnasium Fürth 1907-2007, Festschrift, Fürth 2007, S.31; Heinrich-Schliemann-Gymnasium, (Hrsg.), 100 Jahre Heinrich-Schliemann-Gymnasium. Festjahresbericht, Fürth 1996, S.31. 422Vgl.: Manfred Mümmler, Fürth 1933-1945, Emskirchen 1995, S.28. 423Vgl.: Barbara Ohm, Fürth. Geschichte der Stadt, Fürth 2007, S. 309: „Auch wenn er mit großen Worten verabschiedet wurde, wurde er aus Fürth entfernt, weil er wegen persönlicher Bereicherungen und vielen Frauengeschichten nicht einmal mehr für seine Parteigenossen tragbar war ... 1941 wurde Jakob aus der SA entlassen, nachdem er durch das Danziger Gaugericht wegen seiner Verhältnisse zu Frauen ‚ungeklärter Volkszugehörigkeit‘ verwarnt worden war.“ 424Thorn (Torun) war 1231 durch den Deutschen Orden gegründet, 1236 wegen der Überschwemmungsgefahr an einen etwa 7,5 km entfernten Standort verlegt worden und später die älteste Stadt Preußens. Vgl. den Artikel Torun, in. www.wikipedia.de, hier: Ausdruck vom 30.10.2019. 425Vgl.: Dieter Schenk, Hitlers Mann in Danzig. Albert Forster und die NS-Verbrechen in Danzig-Westpreußen, Bonn 2000, S.142. Neben Oberbürgermeister Jakob, Stadtarchivar Dr. Schwammberger und einigen Mitarbeitern des Bauamtes gab es 1939 noch einen weiteren Personaltransfer aus Fürth nach Danzig. „Seinen 2. Adjutanten holte sich Forster 1939 (…) aus Fürth, wo Andreas Landmann (Jahrgang 1902) Stadtrat war (…). Er wurde in Forsters Stab mit Parteiangelegenheiten betraut und genoss das besondere Vertrauen des Gauleiters. Landmann begleitete Forster regelmäßig bei seinen Inspektionsreisen im Gau und war Verhandlungspartner der Gauleitung mit dem Danziger Klerus bei der Verfolgung und Ermordung katholischer Priester“ (Ebd., S.190). 426Vgl.: Manfred Mümmler, Fürth 1933-1945, Emskirchen 1995, S.34. 427Vgl.: Helene-Lange-Gymnasium (Hrsg.), 100 Jahre Helene-Lange-Gymnasium Fürth 1907-2007, Festschrift, Fürth 2007, S.31; Heinrich-Schliemann-Gymnasium, (Hrsg.), 100 Jahre Heinrich-Schliemann-Gymnasium. Festjahresbericht, Fürth 1996, S.31: „…in den Wintermonaten gab es wegen Beschlagnahme der Kohlevorräte Kälteferien.“
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