Reichsbürgergesetzes von 1935 vergeben wurden, kam der Krieg nun nicht mehr nur durch Einberufungen zur Wehrmacht oder die an den Fronten getöteten und verwundeten Soldaten, sondern auch durch die im März 1943 beginnende kombinierte Bomberoffensive der Luftstreitkräfte der Amerikaner (Tagesangriffe) und der Briten (Nachtangriffe) nach Fürth. Im Rahmen des ersten Großangriffs, der am 8./9. März 1943 in mehreren Wellen auf die nationalsozialistischen Symbolstädte München und Nürnberg gerichtet war, wurden auf Fürth ebenfalls Bomben abgeworfen, die zu 42 Todesopfern führten.445 Außerdem wurden beim humanistischen Gymnasium an der Königstraße fast alle Fensterscheiben zerstört und der Physik- und Chemiesaal beschädigt, so dass der Unterricht erst nach acht Tagen wieder aufgenommen werden konnte.446 Von der bis Kriegsende fortlaufenden Bomberoffensive der amerikanischen und britischen Luftstreitkräfte war das Schulwesen in Fürth nicht nur durch Gebäudeschäden, sondern auch durch die zahlreichen Luftschutzalarme negativ betroffen, weil viele Schüler/innen meist schon beim Voralarm nach Hause geschickt wurden,447 um sich beim Hauptalarm mit Familienangehörigen in einen Luftschutzraum oder Luftschutzbunker begeben zu können.448 Daneben wurden ab Mitte 1943 die meisten Schüler der damals sechsten, siebten und achten Klassen der höheren Schulen und damit 15bis 17-Jährige im Rahmen eines Kriegsdienst-Hilfseinsatzes als Flakhelfer bei der Luftwaffe herangezogen, wobei alle Schüler, die regelmäßig am Sportunterricht (Leibeserziehung) teilgenommen hatten, ohne weitere Untersuchung als tauglich galten. Von der Oberschule für Jungen an der Kaiserstraße wurden zunächst sechs Schüler der damaligen sechsten Klasse und 54 Schüler der damaligen siebten Klasse abgestellt, denen am 17. Juli 1943 noch 54 Schüler der damaligen fünften Klasse folgten. Die Schüler aus Fürth waren für den Einsatzort Nürnberg vorgesehen und wurden den Einheiten der Luftwaffe klassenweise zugeteilt, um sie durch einen Betreuungslehrer mit einem auf 18 Wochenstunden reduzierten Unterricht einigermaßen ordnungsgemäß unterrichten zu können.449 Außerdem wurden sie von der Luftwaffe theoretisch und durch zahlreiche Übungen mit der Bedienung der Flugabwehrkanonen vertraut 445Vgl.: Barbara Ohm, Fürth. Geschichte der Stadt, Fürth 2007, S. 312: „Am 10. Mai 1940 fand der erste
Luftangriff auf Fürth statt, danach blieb die Stadt bis 1943 verschont.“ Deshalb konnte sich die Bevölkerung in Fürth bis 1943 in scheinbarer Sicherheit wähnen und ein Großteil vielleicht sogar an die von der nationalsozialistischen Propaganda verbreitete Siegeszuversicht glauben, obwohl diese nach dem Scheitern der Wehrmacht vor Moskau und der Kriegserklärung Hitlers gegenüber den USA im Dezember 1941, dem Scheitern des Vorstoßes zum Suezkanal in Nordafrika im Oktober/November 1942 und die Kapitulation der eingekesselten und kurz vor der endgültigen Vernichtung oder dem Verhungern stehenden Truppen in Stalingrad am 31. Januar und 2. Februar 1943 sukzessive konterkariert worden war. 446Vgl.: Heinrich-Schliemann-Gymnasium, (Hrsg.), 100 Jahre Heinrich-Schliemann-Gymnasium. Festjahresbericht, Fürth 1996, S.33. 447Der Voralarm wurde ausgelöst, wenn ein Bomberverband, der die Reichsgrenzen überflogen hatte, eine bestimmte Luftsicherungslinie überschritt (z.B. Rhein-Main-Gebiet), aber noch nicht klar war, ob er nun Richtung Würzburg/Nürnberg oder Richtung München weiterfliegt. Sobald dies klar war, wurde entweder Hauptalarm für einen drohenden Luftangriff ausgelöst oder Entwarnung für einen nicht auf die Region zu erwartenden Luftangriff gegeben. 448Neben zahlreichen, in den Häusern zu Luftschutzräumen ausgebauten Kellern gab es in Fürth einen Hochbunker am Bahnhofsplatz für Eisenbahnreisende am Standort des heutigen Bahnhofscenters sowie Hochbunker an der Ronwaldstraße, Kronacher Straße, Friedrich-Ebert-Straße, Kieler Straße, Mühltalstraße, Stettiner Straße, Dr.-Mack-Straße und in der Eschenau. Vgl.: Barbara Ohm, Fürth. Geschichte der Stadt, Fürth 2007, S. 312. Außerdem dienten Teile der Bierkeller der Brauerei Geismann an der Bäumen-/Hallstraße, der Bergbräu an der Wolfsschlucht/Fritz-Mailaender-Straße, der Brauerei Grüner im Grünerpark/Vacher Straße und der Brauerei Humbser an der Schwabacher Straße/Fichtenstraße als Luftschutzkeller. 449Vgl.: Manfred Mümmler, Fürth 1933-1945, Emskirchen 1995, S.131-134.
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