Nachkriegszeit offiziell für beendet.648 Zugleich kündigte er an, dass der soziale Wohnungsbau als Gemeinschaftsaufgabe von Bund, Ländern und Gemeinden im gesamten Bundesgebiet fortgesetzt und die Bildung von Wohneigentum für breite Schichten der Bevölkerung ihren Vorrang behalten werde.649 Bildungspolitisch fügte er hinzu, dass die Bundesregierung ihren Teil dazu beitragen werde, dass alle bildungswilligen und bildungsfähigen jungen Menschen unabhängig von wirtschaftlichen Voraussetzungen die Ausbildung erhalten, die ihrer Begabung und Neigung entspricht.650 Insgesamt war die bildungspolitische Diskussion damals nicht nur durch das 1964 von Georg Picht veröffentlichte und mit der Forderung nach einer Erhöhung der Abiturienten- und Studierendenquote verbundene Buch zur Bildungskatastrophe geprägt, sondern auch durch das 1965 von Ralf Dahrendorf (1929-2009) mit der plakativen Feststellung Bildung ist Bürgerrecht als Buch herausgegebene Plädoyer für eine aktive Bildungspolitik zur Herstellung von mehr Chancengleichheit sowie gesellschaftlicher und demokratischer Teilhabe angereichert worden.651 Daneben hatten der Bund und die Bundesländer schon 1965 einen Deutschen Bildungsrat zur Bildungsplanung gegründet, der sich aus einer mit Wissenschaftlern und Bildungsfachleuten besetzten Bildungskommission und einer mit politischen Vertretern des Bundes und der Länder besetzten Regierungskommission zusammensetzte und 1966 die Arbeit aufnahm.652 Zusammen mit einem seit 1957 in der Bundesrepublik zu verzeichnenden Anstieg der Lebendgeborenen („Baby-Boom“),653 der absehbar mit einem bis in die 1980er Jahre 648Vgl.: Der Auftrag an Regierung und Parlament. Die Regierungserklärung des Bundeskanzlers vor
dem Deutschen Bundestag, in: Bulletin des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung, Nr.179/1965 vom 11.11.1965, S.1427-1449, hier: S.1427: „Die Nachkriegszeit ist zu Ende.“ 649Vgl.: Ebd., S.1444. 650Vgl.: Ebd., S.1443. 651Vgl.: Ralf Dahrendorf, Bildung ist Bürgerrecht. Plädoyer für eine aktive Bildungspolitik, München, Zürich 1965. Bei seinem Plädoyer für eine aktive Bildungspolitik identifizierte Ralf Dahrendorf durch empirische Daten vier soziologische Gruppen, die in der Bundesrepublik schlechte Chancen auf höhere Bildung hatten: Mädchen, Kinder in ländlichen Regionen, Kinder aus katholischen Haushalten und Arbeiterkinder. Siehe auch den Artikel Ralf Dahrendorf, in: www.wikipedia.de, hier: Ausdruck vom 15.12.2020. Ralf Dahrendorf war nach einem in der Nachkriegszeit begonnenen Studium der Philosophie und Klassischen Philologie an der Universität Hamburg, einer anschließenden Promotion durch die Universität Hamburg zum Dr. phil. 1952, einer weiteren Promotion durch die London School of Economics 1956 und einer Habilitation an der Universität Saarbrücken 1957 von 1958 bis 1960 Professor für Soziologie an der Akademie für Gemeinwirtschaft in Hamburg, danach an der Universität Tübingen sowie an der 1966 gegründeten Universität Konstanz und von 1966 bis 1968 auch Mitglied der Bildungskommission des 1965 von Bund und Ländern gegründeten Deutschen Bildungsrates. Politisch schloss er sich nach 1945 zunächst der SPD an, wechselte 1967 zur FDP und galt in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre als deren Vordenker. Außerdem war Ralf Dahrendorf in den Jahren 1968/69 für die FDP Mitglied des baden-württembergischen Landtages, in den Jahren 1969/70 Mitglied des Bundestages und zugleich parlamentarischer Staatssekretär im Außenministerium unter Leitung des FDP-Bundesvorsitzenden Walter Scheel (1919-2016). Nach anschließenden Tätigkeiten für die nach dem Zusammenschluss der EGKS, der EWG und EUROATOM 1967 entstandene Europäische Gemeinschaft (EG), der 1973 auch Großbritannien, Irland und Dänemark beitraten, wandte sich Ralf Dahrendorf ab 1974 wieder dem Wissenschaftsbereich zu und war von 1974 bis 1984 Direktor der London School of Economics, von 1984 bis 1986 Professor an der Universität Konstanz, 1986/87 Professor an der Russell Sage Foundation in New York, von 1987 bis 1997 Rektor des St. Antony’s College der Universität Oxford und von 1991 bis 1997 zugleich Pro-Vizekanzler der Universität Oxford. 652Vgl. den Artikel Deutscher Bildungsrat, in: www.wikipedia.de, hier: Ausdruck vom 21.12.2020. 653Vgl. zu den Lebendgeborenen: Statisches Bundesamt (Hrsg.), Statistisches Jahrbuch für die Bundesrepublik Deutschland, Wiesbaden 1966, S.54 und 1976, S.67. Im Einzelnen waren in der Bundesrepublik (mit West-Berlin und ab 1957 mit Saarland) 1957 = 897.995, 1958 = 907.475, 1959 =
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