RFM intern Roadsongs schmetternd: „Karin, wo fahren wir heute hin? Düdü-düdüdüdü-düdü, ich hab‘ den Wagen voll Benzin! Düdü-düdü-düdü-düdü!“ Mein Bruder Michael und Walter waren seit der gemeinsamen Schulzeit am Hardenberg-Gymnasium in Fürth Freunde geblieben, ebenso wie Gerd Walther und Walter. „One of those Walters“, hat Walter immer gern gesagt, denn im Rundfunkmuseum hießen die präsenten Männer alle Walter, nimmt man zum Beispiel noch den engagierten Fürther Rundfunk- und Fernsehpionier Walter Mayer (1926 – 2015) hinzu. Geboren wurde Walter am 8. Oktober 1955 in Fürth, der Notarztwagen musste sich durch die Fürther Kirchweih zwängen. Walter erzählte mir oft von seiner Kindheit und Jugend, davon, wie er entdeckte, selbstbestimmt leben zu wollen. Am Gänsberg war er aufgewachsen und mit 14 Jahren von Zuhause ausgezogen. Auch seine Schwester Susi beklagte, dass es daheim eng war und dass das familiäre Umfeld die beiden Geschwister mit starken Stereotypvorstellungen konfrontierte. Walters innere und äußere Freiheit war schon damals die Rockmusik. Im Jahr 1978 hat Walter in Fürth Abitur gemacht, wurde Zivildienstleistender in einem Kinderheim und entschied sich anschließend für eine Lehre als Pelzfärber. Vom Färben der Pelze schwärmte er sein Leben lang, doch das „Berufsasthma“, das er sich durch die vielen Chemikalien zugezogen hatte, zwang ihn zur Umschulung. Er wurde IT-Administrator beim
Sebald-Verlag und als dieser Konkurs anmelden musste, ging Walter 2007 zur Bundesagentur für Arbeit. Mit 60 Jahren wurde er verrentet und freute sich darauf, endlich all seinen musikalischen Hobbys und Leidenschaften in Vollzeit nachgehen zu können. In Erinnerung bleiben mir – immer wie Filme – die Vorbereitungszeiten für die gemeinsamen Ausstellungen: „Conny Wagner – lebenslänglich on stage“ mit einem Himmel voller Luftballons, von denen einer platzte und Brigitte so durchs Auge zischte, dass sie in die Notaufnahme des Fürther Klinikums musste. „Schreib mal einen Unfallbericht über einen geplatzten Gummi-Luftballon, der dir während der Arbeit in einem Museum ins Auge geflogen ist, ohne dass der Arzt dich mit hochgezogenen Augenbrauen anschaut,“ meinte Brigitte, nachdem Walter sie mit ihrer Piratenaugenklappe aus dem Krankenhaus zurück zum Ausstellungsaufbau ins Museum geholt hatte. Oder die erfolgreiche Ausstellung „Rockin‘ Franken“, die jahrelang in den Musikboxen des Rundfunkmuseums blieb und für die Walter zu jeder Großveranstaltung erneut Führungen anbot, die allesamt ausgebucht waren. Oder „Die Singles der Beatles“, eine Ausstellung, die bis heute im Rundfunkmuseum zu sehen und zu hören ist. Walter hatte nicht nur Schätze in seinem Kopf, sondern auch in seinem kleinen, bezaubernden Haus: Seine riesige Plattensammlung, die kompletten BRAVO-Ausgaben – und für alles, wonach ich ihn sonst noch fragte, hatte er stets eine Antwort parat:
„Walter, ich bräuchte für die nächste Ausstellung im Spielzeugmuseum Lieder, in denen es ums Fotografieren geht“ – spontan sang er als Antwort: „Mein Vater war ein Graf, ein Graf, ein Fotograf“, „Mach ein Foto davon!“ und „Du hast den Farbfilm vergessen, mein Michael!“ – im Bereich Musik wusste keiner so viel, wie Walter. Mit Walters Kindern Janina, geboren 1981, Julian, geboren 1986, und Laura, geboren 1989, haben wir oft und gern in Walters kleinem, feinen Garten neben dem Apfelbaum gegrillt. Für knapp zehn Jahre wohnten wir damals alle gleichzeitig am Stadtwald in Fürth. Ich freue mich sehr, dass Walters langjähriger Traum zu seinen Lebzeiten in Erfüllung ging: Er wollte unbedingt Großvater werden. Im April 2018 ist sein Enkel Paul, Sohn von Janina, geboren worden. Es war auch mein Freund Walter, der mir eines Tages in seiner unverkennbar fränkischen Art vorgeschlagen hatte: „Mir kennerten im Rundfunkmuseum amol a Ausstellung über’n Conny Wagner machn!“ Aus diesem Impuls wurde mehr als nur eine Ausstellung, es wuchs eine Freundschaft daraus, die rückblickend mein Leben prägte und bis heute prägt. Dafür bin ich tief dankbar, ebenso wie für Walters und meine Freundschaft. Bei Walter konnte ich zu jeder Tagesund Nachtzeit klingeln, er hat immer erst mal eine Flasche Wein entkorkt, wenn ich Hilfe oder seine gute Gesellschaft brauchte. Ohne Walter hätte ich nicht in der Carl-Spitzweg-Straße Quickstep tanzen gelernt, ohne Wal-
Rundfunk & Museum 97 – September 2019
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