„Arrival City“ (Buch)

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Titelseite: „Arrival City“ - Geschichten vom Ankommen und Bleiben in Deutschland, März 2026
Buch-Titel
„Arrival City“
Untertitel
Geschichten vom Ankommen und Bleiben in Deutschland
Genre
Sachbuch
Ausführung
Softcover
Autor
Stefan Applis, Chris Frenz
Erscheinungsjahr
2026
Verlag
Mitteldeutscher Verlag
Seitenzahl
192
ISBN-Nr.
978-3-68948-110-0
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Das Buch „Arrival City“ - Geschichten vom Ankommen und Bleiben in Deutschland erschien Anfang 2026 im Mitteldeutschen Verlag.

Das Buch von Stefan Applis und Chris Frenz möchte am Beispiel Fürths einen über die Stadt hinaus reichenden Beitrag zur Verständigung leisten, indem gezeigt wird, wie Migration das urbane Leben in Deutschland produktiv mitgestaltet. Das Konzept der „Arrival City“ des britisch-kanadischen Journalisten Doug Saunders beschreibt Stadtviertel, in denen Zuwanderung besonders sichtbar wird.

Seit 2016 nehmen deutsche Städte wie Oldenburg, Dresden oder Duisburg-Marxloh an Programmen teil, die Integration und Stadtentwicklung verbinden. Statt Migration als Problem zu sehen, betont die Idee die Chancen durch Arbeit, Bildung und die Bildung neuer Netzwerke. Saunders versteht Ankunftsstädte als Orte von Dynamik und Innovation. Untersucht wird dies an Alt- und Innenstadt, wo sich auf andere Städte in Deutschland übertragbare Merkmale einer Ankunftsstadt zeigen.

Grundlage sind 40 Interviews mit Unternehmerinnen und Unternehmern sowie Akteurinnen und Akteuren städtischer und nichtstädtischer gesellschaftlicher Institutionen aus Fürth, die soziale und wirtschaftliche Prozesse begleiten und das Stadtleben prägen. Eindrückliche sozial-dokumentarische Fotografien von Stadt und Menschen stellen das Leben in der Ankunftsstadt vor. Das Projekt wurde gefördert durch das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) im Programm „Gesellschaftlicher Zusammenhalt“, die VHS-Fürth und das Kulturreferat der Stadt Fürth.

Inhalt

Kapitel 1: Vom Ankommen und Bleiben in Deutschland

Das erste Kapitel führt in das Thema des Buches ein: Es geht um Menschen, die über Jahrzehnte am Rand der deutschen Gesellschaft lebten, obwohl sie das Land maßgeblich mitgeprägt haben. Trotz der politischen Behauptung, Deutschland sei kein Einwanderungsland, hatte 2024 laut Mikrozensus jede dritte Person in Westdeutschland einen Migrationshintergrund (33,6 %), unter Kindern lag dieser sogar bei 42,6 Prozent. Die Folgen dieser politischen Haltung waren und sind, u.a. Benachteiligung im Bildungssystem, Ausgrenzung auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt, Arbeitsverbote sowie die Nicht-Anerkennung ausländischer Studienabschlüsse.

Das Kapitel führt zentrale Konzepte ein, die das gesamte Buch durchziehen. Der im Buch verwendete Begriff der Postmigration meint dabei nicht das Ende von Migration, sondern die gesellschaftlichen Veränderungen, die nach der Migration stattfinden müssen – etwa die politische Anerkennung der Vielfalt der Bevölkerung. Ebenso zentral ist die Idee der transnationalen Pioniere: Dies sind Menschen, die feste Lebensentwürfe hinter sich lassen, neue kulturelle Fähigkeiten entwickeln, Wissen über Mobilität sammeln und Netzwerke über Grenzen hinweg aufbauen – dies galt seit den 1960er Jahren zuerst für die Generation der Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter.

Als die De-Industrialisierung Ende der 1970er Jahre einsetzte, verloren viele ihre Stellen und gingen – ohne staatliche Unterstützung – in die Selbstständigkeit. So ermöglichten sie ihren Kindern, sich besser zu qualifizieren und gesellschaftlich aufzusteigen. Von solchen Erfahrungen erzählt das Buch: Es sind Geschichten einzelner Menschen, in denen zugleich die Erfahrungen vieler sichtbar werden. Denn Gesellschaft kann nur vorankommen, so eine der Grundthesen des Buches, wenn die Stimmen bisher ausgegrenzter Menschen ernst genommen und die Fehler der Vergangenheit aufgearbeitet werden.

Kapitel 2: Der Untersuchungsraum – Fürth als Ankunftsstadt

Hinterhof einer Arbeiterunterkunft (2024)

Kapitel 2 stellt Fürth mit rund 130.000 Einwohnerinnen und Einwohnern als zentralen Untersuchungsraum vor. Die Stadt blickt auf eine jahrhundertelange Migrationsgeschichte zurück: Seit dem 16. Jahrhundert war Fürth ein bedeutender Ort jüdischen Lebens, mit Talmudschule, Synagoge, Schulen und Krankenhaus. Jüdische Fabrikanten, Bankiers und Kaufleute trugen maßgeblich zur wirtschaftlichen Entwicklung bei – ihre Stiftungsgebäude prägen das Stadtbild bis heute, reformierte Christen aus den Niederlanden und der Schweiz sowie Hugenotten aus Frankreich brachten neue Handwerke in die Stadt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter aus der Türkei, Griechenland, Italien, Portugal, Spanien und dem ehemaligen Jugoslawien in die Stadt. Seit den 1990er Jahren folgten Spätaussiedler und Kontingentflüchtlinge aus der ehemaligen Sowjetunion, später Menschen, die ab 2011 aus Syrien, Afghanistan, Irak, Iran und Eritrea flohen. Seit der EU-Freizügigkeit 2014 für Bulgarien und Rumänien stammt ein Großteil der Neuankömmlinge aus Südosteuropa.

Der Anteil der Menschen mit Migrationshintergrund lag 2022 in Fürth bei 44,2 Prozent; in der Innenstadt machen diese etwa die Hälfte der Bevölkerung aus. Im Zentrum der sozialräumlichen Betrachtung, die das Kapitel unternimmt, stehen Alt- und Innenstadt, die im Zweiten Weltkrieg weitgehend unzerstört blieben und aufgrund ihrer historischen Bausubstanz gute Voraussetzungen als Ankunftsquartier bieten – vor allem durch bezahlbaren Wohnraum und nutzbare Gewerbeflächen im Erdgeschoss, die migrantischen Unternehmensgründungen einen Nährboden geben.

Kapitel 3: In der Arrival City findet man Arbeit

Hüseyin Bulut (2024)

Kapitel 3 zeigt anhand mehrerer Familiengeschichten – im Folgenden einige Beispiele –, wie Arbeit und sozialer Aufstieg in der Ankunftsstadt funktionieren.

Sakine Tasdemir (Friseurmeisterin, Inhaberin eines eigenen Friseursalons) kam als Zehnjährige 1977 mit ihrer Familie nach Fürth, nachdem ihr Vater – Fabrikarbeiter beim Maschinenbauunternehmen Leistritz – bereits 1973 als Gastarbeiter vorausgegangen war. Die Familie kämpfte mit Vorurteilen bei der Wohnungssuche und fehlenden Deutschkenntnissen; eine ältere deutsche Nachbarin stand ihr als wichtige Vertrauensperson zur Seite. Sakine Tasdemir absolvierte eine Friseurlehre, machte 1992 die Meisterprüfung und eröffnete 1993 ihren eigenen Laden – gestützt auf Ehemann und Schwester als Mitarbeiterin.

Vedat Savran (Inhaber des Juweliergeschäfts „Savran Gülay" in der Fußgängerzone) gründete mit seinem Bruder das erste türkische Juweliergeschäft in Fürth. Vedats Mutter war zunächst allein als Gastarbeiterin bei AEG nach Fürth gekommen; Vater und Kinder folgten erst Jahre später. Die Familie lebte anfangs unter extremen Verhältnissen in Ein-Zimmer-Wohnungen ohne Dusche oder Toilette. Aus diesen schwierigen Anfängen heraus entwickelte sich über Jahrzehnte ein erfolgreicher Familienbetrieb, den Vedat Safran mit seiner Frau Gülay führt.

Hüseyin Bulut (Inhaber eines Obst- und Gemüsestandes auf der Fürther Freiheit) folgte seiner Frau, die über das Anwerbeabkommen zur Firma Grundig nach Fürth gekommen war. Als ausgebildeter Bautechniker fand er auf dem deutschen Arbeitsmarkt keine Stelle, arbeitete bei mehreren Arbeitgebern gleichzeitig und baute sich durch beharrliche Netzwerkarbeit schrittweise eine selbstständige Existenz im Markthandel auf – trotz erheblicher bürokratischer Hürden und ohne jede staatliche Unterstützung. Im Jahr 2026 feierte Hüseyin Bulut sein 50jähriges Jubiläum auf dem Fürther Obst- und Gemüsemarkt.

Kapitel 4: In der Arrival City gibt es informelle, ungeregelte Räume

Hofeinfahrt mit Stühlen in der Marienstraße (2024)

Kapitel 4 beleuchtet, u. a. in Interviews mit Mitarbeitenden aus dem Quartiersmanagement und dem Stadtteilnetzwerkes, die baulichen und sozialen Strukturen von Ankunftsquartieren. Am Beispiel der spätklassizistischen Bebauung der Innenstadt mit ihren von industrieller Produktion geprägten Hinterhöfen wird anhand vieler Fotografien gezeigt, wie historisch gewachsene Raumstrukturen die Ansiedlung von Zuwandernden seit Jahrzehnten begünstigen. Die enge Verzahnung von Wohnen und Arbeiten war historisch gesehen typisch für das Quartier: Mietshäuser hatten oft Büros im Erdgeschoss und kleine Produktionsbetriebe im Hinterhof.

Entlang von Hirschenstraße, Marienstraße und Mathildenstraße finden sich bis heute Rückgebäude, in denen früher u. a. Stahlbrillen, Metallwaren und Möbel gefertigt worden waren – Räume, die sich als informelle Gewerbe- und Wohnflächen für Zuwandernde eignen. Segregation wird im Kapitel nicht als Problem, sondern als universelles sozialräumliches Phänomen verstanden: Verschiedene Gruppen konzentrieren sich in bestimmten Stadtteilen, weil sie dort günstige Bedingungen vorfinden – bezahlbare Wohnungen, nutzbare Gewerbeflächen, bestehende Netzwerke.

Als Wohnqualität und Wohlstand in der Nachkriegszeit stiegen, zog die einheimische Bevölkerung in neuere Wohngebiete; Hausbesitzer vermieteten den zurückbleibenden, oft unsanierten Wohnraum an Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter sowie deren nachziehende Familienmitglieder. Informelle, ungeregelte Räume – Anbauten als Schwarzbauten, kreative Hofnutzungen und informelle Dachausbauten – ermöglichten so selbstorganisiertes Wirtschaften und soziale Vernetzung jenseits bürokratischer Hürden. Heute stehen generalsanierte Gebäude neben vernachlässigter Bausubstanz, was das Quartier ebenso heterogen wie lebendig macht.

Kapitel 5: Die Arrival City bietet Gestaltungsräume

Juwelier Saad, Faid Al Sohairy und Ameel Al Sohairy (2024)

Kapitel 5 zeigt anhand mehrerer Familiengeschichten, wie Zugewanderte die baulichen Gestaltungsräume der Ankunftsstadt nutzen.

Medi Kheymehkaboud (ehemaliger Innenarchitekt und Modedesigner) und seine Frau Mina Jabervandi (ehemalige Informatikerin und Reiseverkehrskauffrau) eröffneten 2023 in der Hirschenstraße das Café Ariana. Beide flohen aus dem Iran vor politischer und religiöser Verfolgung; ihre im Herkunftsland erworbenen Abschlüsse werden in Deutschland nicht anerkannt.

Faid Al Sohairy und Ameel Al Sohairy (Inhaberin und Inhaber eines Silber- und Goldschmiedegeschäfts) führen einen Betrieb, dessen Wurzeln im Irak liegen: Faid Al Sohairys Vater, ein studierter Physiker, musste 1998 als Angehöriger der religiösen Minderheit der Mandäer nach Enteignung und Verstaatlichung seines Unternehmens aus dem Irak fliehen und gründete in Fürth ein Goldschmiedegeschäft, mit dem er an das Handwerk anknüpfte, das sein Vater im Irak ausübte.

Thi Chien Nguyen (Geschäftsführerin des Restaurants Konoah) kam 1988 als Vertragsarbeiterin in die DDR, um eine Ausbildung als Pharmazeutin zu machen – nach der Wende verlor sie ihren Ausbildungsplatz und kämpfte sich über Gastronomieerfahrungen in Berlin bis zu eigenen Restaurantgründungen in Fürth durch.

Zenaba Abamcha führt ein äthiopisches Restaurant in der Innenstadt. Sie hatte bereits in Dubai und dem Sudan gearbeitet, ehe sie mit ihrem Mann nach Deutschland kam; beide absolvierten Ausbildungen und Integrationskurse und erarbeiteten sich schrittweise eine gesicherte Existenz.

Kapitel 6: Die Arrival City pulsiert im Erdgeschoss

Eiscafé Pinseria Massimo, Massimo und Rafael Rocca (2024)

Nutzbare Erdgeschosszonen gelten als entscheidende Voraussetzung dafür, dass Zugewanderte wirtschaftlich Fuß fassen können – ohne solche Räume ist der Aufbau migrantischer Ökonomien kaum möglich.

Zu den frühen Pionieren einer migrantisches Unternehmensgründung in Nürnberg gehörte die Familie Rocca: Francesco Rocca kam 1944 nach Deutschland und gründete nach Jahren als fahrender Händler 1953 eine der ersten Eisdielen in Nürnberg. Sein Sohn Rafael Rocca wuchs im Familienbetrieb auf, brach ein Architekturstudium ab, um die Eisdiele zu übernehmen, und führte sie gemeinsam mit seiner Frau Maria Rocca (gelernte Hotelfachfrau, die zum Arbeiten nach Deutschland kam und blieb) über Jahrzehnte weiter. Heute betreibt deren Sohn Massimo Rocca mit dem „Eiscafé Pinseria Massimo" in Fürth den Betrieb in dritter Generation – das handwerkliche Wissen der Eisherstellung wurde dabei jeweils vom Vater an den Sohn weitergegeben. Die Verlagerung des Familienunternehmens von Nürnberg nach Fürth war mit der noch immer höheren Zahl an freien Ladenflächen zu günstigeren Preisen verbunden.

Ebenfalls im Kapitel vorgestellt wird das Ehepaar Lala Dionissios, geborene Svaridze, und Tsiabalis Dionissios, die einen Textilreinigungsbetrieb mit Schneiderei an der Grenze zwischen Alt- und Innenstadt führen. Die aus Georgien stammende Lala Svaridze arbeitete zunächst als private Pflegekraft in Italien und folgte ihrer Tochter zur familiären Unterstützung nach Nürnberg, wo sie ihren Mann 2012 kennenlernte. Tsiabalis Dionissios war bereits als Zwölfjähriger aus seinem Heimatort in Griechenland weggegangen, um das Schneiderhandwerk zu erlernen. Nach dem Militärdienst in Griechenland kam er 1983 nach Deutschland und arbeitet zunächst viele Jahre in der Gastronomie. Anschließend übernahm er einen Reinigungsbetrieb in Nürnberg und gründete eine Niederlassung in Fürth; 1986 übernahm er seinen ersten Reinigungsbetrieb.

Beide Familiengeschichten stehen – hier als Beispiele – für die Vielfalt migrantischer Unternehmensgründungen, die das Leben in der Ankunftsstadt prägen.

Kapitel 7: In der Arrival City bilden sich Netzwerke

Griechischer Kulturverein Hirschenstraße (2024)

Kapitel 7 zeigt, wie formelle und informelle Netzwerke das Ankommen in der Arrival City organisieren und stabilisieren – anhand mehrerer Beispiele, von denen hier nur einige genannt werden können.

Die Familie Bonakdar (Inhaber des Teppichhauses Bonakdar, Schwabacher Straße) gründete 1965 das erste Teppichgeschäft in Fürth. Djawad Bonakdar war zum Studium nach Deutschland gekommen, entschied sich dann aber zu bleiben und baute, unterstützt durch das Familiennetzwerk, ein weithin bekanntes Unternehmen auf, das heute von seiner Tochter Negar Bonakdar geleitet wird und auch eine Teppichrestaurierungswerkstatt umfasst.

Kaya Gögüs (Vorsitzender des Türkischen Kulturvereins Fürth, gegründet 1974) erläutert am Beispiel der türkischsprachigen Zuwandernden die Bedeutung vereinsbasierter Netzwerke: Der Verein ist der einzige türkischstämmige Kulturverein der Stadt, der seit über fünf Jahrzehnten ohne Unterbrechung besteht – vor allem, weil er sich bewusst als politisch und weltanschaulich neutral versteht und so Menschen unterschiedlichster Überzeugungen einen gemeinsamen Ort bietet.

Antonios Kerlidis (Vorsitzender des Griechischen Vereins Fürth) schildert, wie bereits vor den offiziellen Anwerbeabkommen einzelne Griechinnen und Griechen in Fürth lebten und ein erstes Netzwerk aufgebaut hatten, das später Neuankömmlinge auffangen konnte.

Hüseyin Korer (Inhaber eines Reisebüros, zuvor freier Journalist und Redakteur bei der türkischen Tageszeitung Hürriyet) kam als Siebenjähriger 1971 nach Deutschland, machte sein Abitur in Istanbul, studierte Soziologie und Publizistik und gründete 1989 sein Reisebüro in Fürth. Sein transnationales Wissen und seine Mehrsprachigkeit machten ihn zu einem wichtigen Brückenbauer zwischen den Herkunfts- und Ankunftswelten seiner Kundinnen und Kunden und er initiierte die Städtepartnerschaft mit Marmaris in der Türkei.

Kapitel 8: Die Arrival City braucht die beste Bildung

Kapitel 8 erläutert anhand von Interviews mit Angehörigen von Bildungseinrichtungen in der Ankunftsstadt (u. a. AWO-Kulturbrücke, Elan, Internationaler Bund, Mütterzentrum), welche Bedeutung einem generationenübergreifenden Bildungsverständnis zukommt. Bildung wird nicht nur als formale Schul- und Berufsausbildung begriffen, sondern schließt informelle Lernräume, kulturelle Teilhabe, nachbarschaftliche Begegnung und die Ermöglichung von Selbstwirksamkeit ein.

Die Volkshochschule Fürth spielt als zentraler Bildungsort im Quartier eine herausragende Rolle: Seit Einführung der Integrationskursverordnung 2005 hat sie sich zur größten kommunalen Anbieterin von Deutschkursen entwickelt. Von 2005 bis Ende 2022 nahmen fast 2,9 Millionen Personen bundesweit an solchen Kursen teil. Studien belegen, dass Integrationskurse Sprachfähigkeiten und Arbeitsmarktchancen messbar verbessern – besonders Frauen profitieren überdurchschnittlich. Dennoch wurden ab 2025 speziell auf Frauen und Jugendliche zugeschnittene, intensivere Kursformate durch den Bund gestrichen.

Die heterogene Zusammensetzung der Kurse bringt einerseits Chancen, andererseits erhebliche pädagogische Herausforderungen mit sich, da Teilnehmende mit sehr unterschiedlichen Bildungsvoraussetzungen aufeinandertreffen. Neben allgemeinen Sprachkursen braucht es Intensivkurse für jüngere Lernende mit Fremdsprachenerfahrung sowie Förderkurse für Menschen mit besonderem Unterstützungsbedarf.

Das Kapitel betont zudem, dass Integration vor Ort im Quartier stattfindet: Begegnungsräume, Krippen- und Kindergartenangebote, Ganztagsschulen und kulturelle Bildungsmaßnahmen für Erwachsene und Familien sind unverzichtbare Bausteine einer gelingenden Ankunftsstadt. Der Abbau von Fördergeldern für diese Bereiche gefährdet einen Prozess, der nachweislich wirksam ist.

Kapitel 9: Die Arrival City ist eine Stadt in der Stadt

ehem. Restaurant Bodrum, Hatice und Cengiz Uszun (2024)

Kapitel 9 kritisiert den Begriff der „Parallelgesellschaft" und zeigt, was mit der „Stadt in der Stadt" tatsächlich gemeint ist: nicht Abschottung, sondern selbstorganisierte Strukturen und Netzwerke, die Zugänge schaffen – gerade weil die Mehrheitsgesellschaft diese Zugänge verweigert oder nicht bereitstellt. In Fürth, wo 44,2 Prozent der Bevölkerung einen Migrationshintergrund haben, sind solche Strukturen kein Randphänomen, sondern der Regelfall.

Ankunftsquartiere funktionieren als Transiträume und soziale Sprungbretter: Wer aufgestiegen ist, zieht in bessere Viertel, und das Quartier nimmt neu Ankommende auf. Begriffe wie „Ghetto" oder „ethnische Kolonie" verzerren diese Realität und erzeugen negative gesellschaftliche Diskurse, die der produktiven Funktion solcher Quartiere nicht gerecht werden.

Das Kapitel greift viele Familiengeschichten aus dem gesamten Buch auf, die mit der Gründung von Restaurants, Vereinen, Geschäften und informelle Treffpunkten im Quartier über Jahrzehnte als Knotenpunkte von Ankunftsnetzwerken wirkten: Sie boten und bieten Orientierung, Arbeit, Wohnhinweise und soziale Einbindung für neu Ankommende – und das häufig ohne jede Unterstützung durch Stadtverwaltungen. Städte waren schon immer von Gleichzeitigkeit und Vielfalt geprägt, das versucht das Kapitel deutlich zu machen; wer das übersieht, verkennt, was Urbanität ausmacht.

Ankunftsstadtteile zu verhindern, bedeutet letztlich, Menschen daran zu hindern, gemeinsam zu leben. Solange bestehende Ängste vor solchen Stadtteilen nicht überwunden werden, indem sie sich von gefürchteten in attraktive Orte verwandeln, bleibt das Potenzial dieser Quartiere ungenutzt.

Kapitel 10: Zusammenfassung und Ausblick

Das abschließende Kapitel bündelt die zentralen Erkenntnisse des Buches und entwirft eine Perspektive für die Gestaltung von Ankunftsstädten. Ausgangspunkt ist die Überzeugung, dass das Erzählen migrantischer Stadtgeschichten marginalisiertes Wissen sichtbar macht und eine gesellschaftsverändernde Kraft besitzt. Eine postmigrantische Perspektive löst sich von ethnisch sortierten Kategorien und richtet den Blick auf die Gesellschaft als Ganzes.

Die im Buch erkundeten Räume in Fürths Alt- und Innenstadt werden als „Transtopien" beschrieben: Zwischenräume, in denen lokale und globale Verbindungen zusammenfließen und neue gemeinsame Praxisformen entstehen. Alle im Buch porträtierten Personen – Inhaberinnen und Inhaber von Friseursalons, Juweliergeschäften, Obst- und Gemüseständen, Eisdielen, Teppichhäusern, Cafés, Reisebüros und Restaurants, Vorsitzende von Kulturvereinen sowie viele weitere – stehen stellvertretend für die vielen Menschen, deren Geschichten das Stadtleben in Fürth über Jahrzehnte geprägt haben und prägen.

Das Kapitel plädiert dafür, nationale und ethnische Zuschreibungen zu überwinden: Menschen sollten nicht nach festen Kriterien bestimmten Gruppen zugeordnet werden, sondern als Teil städtischer Entwicklung und gelebter Vielfalt gelten. Ankommen, Bleiben und Weiterziehen sind kein Sonderfall, sondern der Normalzustand von Urbanität. Gefordert wird eine konsequente Stärkung der Ankunftsstadt durch Bildungsangebote von der Kita bis zur Erwachsenenbildung, durch Begegnungsorte und durch die aktive Einbeziehung Zugewanderter als Gestalterinnen und Gestalter des städtischen Lebens – zum Nutzen der gesamten Stadtgesellschaft.

Literaturempfehlungen

  • Berner, Heiko. (2018). Status und Stigma: Werdegänge von Unternehmer_innen türkischer Herkunft: Eine bildungswissenschaftliche Studie aus postmigrantischer Sicht. Bielefeld, 42; Schmid, Kurt, Irene Mandl, Andrea Dorr, Bärbel Staudenmayer, & Regina Haberfellner (2006). Entrepreneurship von Personen mit Migrationshintergrund: Endbericht. Wien: Arbeitsmarktservice Österreich, 78.
  • Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) (Hrsg.) (2021). Ankunftsstädte gestalten. Impulse aus den Pilotprojekten. Bonn, 21.
  • Häußermann, Hartmut & Walter Siebel (2001). Integration und Segregation – Überlegungen zu einer alten Debatte. Deutsche Zeitschrift für Kommunalwissenschaften (DfK). 68-79.
  • Hillmann, Felicitas (2001). Ethnische Ökonomien: eine Chance für Städte und ihre Migrant(innen)?. In Norbert Gestring, Herbert Glasauer, Christine Hannemann, Werner Petrowsky & Jörg Pohlan (Hrsg.). Jahrbuch StadtRegion. Berlin, 38.
  • Kabadayi, Ayca (2023). Wahrnehmung des Wohnumfelds und des Zusammenlebens aus Sicht von Zugewanderten in der Fürther Innenstadt. - Perspektiven und Unterstützungspotenzial für die soziale Arbeit. Masterarbeit. Technische Hochschule Nürnberg Georg Simon Ohm. Fakultät Sozialwissenschaften.
  • Leicht, René, Philipp, Ralf & Michael Woywode (2019). Expertise für die Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration Fachkommission Integrationsfähigkeit. Institutes für Mittelstandsforschung Universität Mannheim. Mannheim.
  • Saunders, Doug (2011). Arrival City. Über alle Grenzen hinweg ziehen Millionen Menschen vom Land in die Städte. Von ihnen hängt unsere Zukunft ab. München.
  • Stadt Oldenburg (2024). Zuwanderung und Integration: Arrival Cities - online
  • Stadt Duisburg (2025). Arrival City Marxloh. Abschlussbericht. Amt für Integration und Einwanderungsservice (33-1 Kommunales Integrationszentrum) & Institut für interdisziplinäre Beratung und interkulturelle Seminar (Ibis Institut). Duisburg.
  • Yildiz, Erol (2018). Ideen zum Postmigrantischen. In N. Foroutan, J. Karakayali & R. Spielhaus (Hrsg.). Postmigrantische Perspektiven. Ordnungssysteme, Repräsentationen, Kritik. Frankfurt/Main, 19-34

Siehe auch

Buch

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