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RFM intern sonders vertraut, zum Beispiel durch Diskussionen mit dem Nachwuchs. Diese kleine, hoffentlich kurzweilige Zusammenfassung, könnte dazu durchaus einen Beitrag leisten. Oder einen Denkanstoß, zur Rela�vierung unserer Überzeugungen. Zunächst einmal könnte man meinen, der Stromverbrauch elektrischer Geräte, wen interessiert denn heute so was? Allenfalls Sparfüchse, Fachleute oder Technikfreaks. Das war mein erster Gedanke bei diesem Thema. Aber je mehr ich mich in die Welt der Verbräuche ver�e�e, desto interessanter schien es mir, darüber gründlich nachzudenken. Schließlich waren in meiner Erinnerung noch Bilder von autofreien Sonntagen im Jahr 1973 durchaus lebendig. Auslöser war damals die sogenannte Ölkrise mit plötzlich stark ansteigendem Ölpreis. 1973 kostete der Liter Heizöl mit einem Mal 23 Pfennige (!), nachdem er noch 17 Pfennige im Jahr 1970 gekostet ha�e. Der Weltuntergang schien nah! (Zum Vergleich: 2012 zahlten wir 170 Pfennige oder 85 Cent). Damals begann es. Man ärgerte sich über die gedankenlos verwendeten Elektrogeräte ohne Ausschal-

ter, die immer im Standby-Betrieb unser Geld verschlangen, ohne nachzufragen. Aber zurück zum Thema. Wer weiß schon, wieviel Strom sein Radio oder sein Flachbildschirm wirklich verbrauchen. Und dann gleich die weiterführende Überlegung, wieviel Strom ist das denn, im Vergleich zu den sons�gen Elektrogeräten in einem Normalhaushalt? Die Erkenntnis ist das eine, aber wie um alles in der Welt lässt sich so ein trockenes Thema kurzweilig und nachvollziehbar transpor�eren? Wer, wenn nicht vom Fach, kann mit Kilowa�stunden, Wa�, Kilowa�, Ampère usw. wirklich etwas anfangen. Also, dachte ich mir, musste eine neue Bezugsgröße her, mit der wirklich jeder Zuhörer etwas anfangen kann. Wie wäre es denn, als Maßeinheit eine Tasse heißes Wasser zu nehmen? Um eine Tasse Kaffee zu bereiten, muss das benö�gte Wasser zum Kochen gebracht werden. Da war sie, die Bezugseinheit. Wie lange kann ich Radio hören oder einen Film im Fernseher anschauen, verglichen mit der Energie, die nö�g ist, zum Erhitzen einer Tasse Kaffeewasser? Jetzt hä�e man mit Hilfe einer Formelsammlung den Energieverbrauch berechnen können, der benö�gt wird, um einen Po� Wasser (250 Milliliter) zum Kochen zu bringen (von 20°C auf 100°C).

Schließlich steht die spezifische Wärmekapazität von Wasser in jeder Formelsammlung, aber wer mag solchen Überlegungen noch lustvoll folgen? Es sollte doch ein Energieerlebnistag und keine Physikvorlesung werden. Aber: Wie sagt man doch, Probieren geht über Studieren. Also haben wir öffentlich eine Tasse Wasser in einen Wasserkocher mit 2200 Wa� gegossen und ihn eingeschaltet. Mit der Armbanduhr wurde die Zeit bis zum Sprudeln gestoppt. Und schon war, für jeden Laien einsich�g, die nö�ge Energie ermi�elt. So kam mein Bezugsmaß „eine Tasse Kaffee“ zur Welt. 2200 Wa� entsprechen einer Minute Energieaufwand mit dem Ergebnis, dass das Wasser kocht. Die verbrauchte Energie: 2200 Wa�minuten oder 0,03666 Kilowa�stunden. (Können Sie mir folgen?). Fangen wir mit dem Radio an, damals o� noch in Röhrentechnik betrieben. Immer schön warm war das Gehäuse, weil alle Röhren einen Glühdraht, die sogenannte Heizung ha�en. So ein Radio verbrauchte ca. 60 Wa�. Das ist 36 Mal weniger als mein Wasserkocher. Dafür darf ich ihn 36 Mal länger einschalten als den vergleichbaren Wasserkocher. Man höre und staune, 36 Minuten Radio hören, verbrauchte so viel Energie, wie nö�g ist, eine Tasse Wasser für einen Kaffee zu erhitzen.

Rundfunk & Museum 95 – September 2018

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