Quecksilber

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Quecksilber (griech. ύδράργυρος „flüssige Silber“, davon abgeleitet das lat. Wort hydrargyrum (Hg), Name gegeben von Dioskurides; engl. Mercury) ist ein chemisches Element im Periodensystem der Elemente mit dem Symbol Hg und der Ordnungszahl 80. Es ist das einzige Metall und neben Brom das einzige Element, das bei Normalbedingungen flüssig ist. Aufgrund seiner hohen Oberflächenspannung benetzt Quecksilber seine Unterlage nicht, sondern bildet wegen seiner starken Kohäsion linsenförmige Tropfen. Aufgrund seines hohen Dampfdrucks verdampfen schon bei Raumtemperatur stets geringe Mengen Quecksilber. Diese Dämpfe sind stark giftig.

Zu allgemeiner Thematik rund um Quecksilber und Quecksilbervergiftung sei auf die entsprechenden Artikel auf wikipedia.de verwiesen.

Quecksilber und Fürth

Auch die vielen Spiegelfabriken in Fürth benutzten, wie es bis zum Ende des 19. Jahrhunderts üblich war, für das Belegen des Spiegelglases Quecksilber. Dabei legte man eine Zinnfolie aus, überschüttete diese mit Quecksilber und deckte die Glasplatte darauf. An der Glasplatte bildete sich eine stabile, fest haftende Quecksilberlegierung, ein Amalgam.

Quecksilber war relativ leicht zu verarbeiten, rief aber bei den Arbeitern schwere Gesundheitsschäden hervor. Erkrankungen des Magens, Schwindel, Kopfschmerz, „Ameisenkriechen“ in den Gliedern bis hin zur völligen Zerrüttung des Nervensystems („Mercurialismus“).

Schon Ende des 18. Jahrhunderts waren die gesundheitsschädlichen Folgen der Arbeit mit Quecksilber gut bekannt und beschrieben:

"Die Beleg-Arbeit ist die schädlichste Manipulation bey dieser Glasarbeit, und die schädlichste unter tausend andern Arbeiten. Nur in lüftigen hohen Zimmern, und von solchen Personen läßt sich diese Arbeit, und da nur durch Absätze treiben, die nicht zum Schweis geneigt, und besonders trocken an den Händen sind, und sich äusserst reinlich halten, nicht eher etwas genießen, als nachdem sie sich gewaschen haben, und nach vollbrachter Arbeit sich ganz umkleiden. Bey aller dieser Vorsicht wird sich dennoch niemand finden, der sagen kann, daß er alt dabey geworden, und es lange Jahre getrieben habe, die mehresten werden unvermögend, und zwar in kurzer Zeit, und geben den mitleidvollsten Anblick Ich habe Leute gesehen, die weder Trank noch Speise zum Mund zu bringen im Stande waren; so sehr hat sich der Mercurius durch den Odemzug und die Schweislöcher mit dem Blut des Menschen, vereinigt, und sie zitternd gemacht."[1]

Es gab zwar Arbeitsschutzempfehlungen: kurze Arbeitszeiten, niedrige Raumtemperaturen, gute Raumlüftung und Baden nach der Arbeit. Aber die Lebenserwartung der Arbeiter war trotzdem weiterhin sehr gering. Weil die Spiegel zudem häufig in Heimarbeit, z.B. auf dem Küchentisch hergestellt wurden, erkrankten ganze Familien.

Obwohl Justus v. Liebig bereits 1835 entdeckt hatte, dass man mittels chemischer Reduktion von Silberionen durch Aldehyde einen Silberspiegel erzeugen kann und 1854 auf die technische Umsetzung das Patent erhielt, hat sich bis in die Achtzehnhundertsechziger Jahre an den elenden Bedingungen in der Spiegelherstellung nichts Nennenswertes verbessert.

1857 schreibt Dr. Beeg:

"Bekanntlich ist das beständige Umgehen mit Quecksilber der Gesundheit gefährlich und kann sogar den Tod bringen. Bei dem Belegen bildet sich durch das Mischen [...] ein schwarzer Staub, feinst vertheiltes Quecksilber, das in dieser Form am meisten zur Verdünstung geeignet ist. Die Arbeiter nennen diesen Staub auch "Gift". [...]. Die Quecksilberdämpfe dringen eben so sehr durch die Respirationsorgane, als durch die Poren der Haut in den Körper [...]."[2]

Angespornt durch das Wissen über die schrecklichen Gesundheitsfolgen von Quecksilber und die Entdeckung von Liebig über die Silberspiegelherstellung stellte Dr. Beeg eigene Untersuchungen an, "in der Hoffnung, ein Verfahren ausfindig zu machen, welches fabrikmäßig angewendet werden und die gefährliche Quecksilberbelegung beseitigen könnte."[3]

Bereits 1859 wurde in Doos mit Hilfe eines Assistenten von Liebig die erste Silberbelege eingerichtet. Nur hatte das neue Verfahren aus verschiedenen Gründen zunächst große Schwierigkeit, sich durchzusetzen. Unter anderem fehlte die Nachfrage, weil die Kunden mit den Quecksilberspiegeln zufrieden waren. Im Jahre 1862 stellte als erster der Fürther Spiegelfabrikant Christian Winkler seine Spiegelbelegung von Quecksilber auf Silberbelegung um. Aber noch 1883 wendeten erst ein Sechstel der Spiegelbetriebe in Fürth das neue Silberbelegungsverfahren an. Das neue Silberbelegungsverfahren setzte sich trotzdem mit der Zeit durch. Die Kundschaft gewöhnte man an die neuen Spiegel, indem man "die Rückseite des Spiegels mit Bronze bestrich und ihr so ein ähnliches Aussehen gab" wie die Quecksilberspiegel.[4]

Etwa 1883 fertigte der Arzt Dr. Wilhelm Mayer eine Denkschrift mit dem Titel: „Die sanitären Zustände der Quecksilber-Spiegelbelegen in Fürth“ an, die die Zustände in den Belegen und deren Auswirkungen auf die Arbeiter detailliert dokumentierte und Regeln im Umgang mit Quecksilber definierte. Ende 1884 gründeten die Fürther Beleganstalten einen Glasbeleger-Hilfsverein, der Mittel bereitstellte, damit Beleger mindestens einen Monat im Jahr ihre Tätigkeit aussetzen konnten. [5]

Nachdem ein strenges Reichsgesetz drohte, kam es 1885 zu freiwilligen sanitären Einrichtungen der vereinigten Fabrikanten unter ärztlicher Überwachung und anderen Arbeitsschutzvorschriften, wie Dauerbelüftung, teilweise bezahlter Urlaub usw.[6]

Am 30. Juli 1889 kam eine staatliche Verordnung von Preußen, Bayern und Baden - „Die Einrichtung und den Betrieb der Spiegelbelegeanstalten betreffend". "Die drakonischen Bestimmungen trafen eine Industrie, die an sich schon schwer gegen das billigere Silberbelegen kämpfte, die neuen Auflagen, die alle bestehenden Belegen unmöglich machten und Neubauten erfordert hätten, glichen mehr einem Verbot des Quecksilberbelegens überhaupt."[7]

Die Folgen dieser Vorkehrungen sowie der allgemein voranschreitenden Umstellung auf die Silberbelegung beschrieb Philipp Berlin 1909 folgendermaßen:

"In den Jahren 1885—1890 sanken die Krankheitstage an Merkurialerkrankungen von 13,52 auf 0,66 für je 100 Arbeitstage und von 1891 ab kam überhaupt keine Quecksilbererkrankung mehr zur Anmeldung, der Merkurialismus in den Fürther Spiegelbelegen war erloschen."

Verschiedene Quellen schreiben, dass 1886 das Quecksilber-Verfahren verboten wurde.

Allerdings schreibt Philipp Berlin 1909, dass es in Fürth 1888 sogar noch 186 beschäftigte Quecksilberbeleger, (1890 noch 74, 1893 noch 27, 1897 noch 7) und 1909 noch zwei Quecksilberbelegen mit 4 Arbeitern gegeben habe. Diese hätten zwar "keine Bedeutung mehr, sie beschäftigen im Ganzen nur 4 Arbeiter und sind nicht mehr ständig, sondern nur zeitweise im Betrieb."[8]. Dies zeigt, dass das Verbot offenbar nicht überall sofort umgesetzt wurde.

Bis in unsere Zeit müssen die Altlasten der Quecksilberspiegelherstellung sehr kostspielig saniert werden. Auch diese Problematik war durchaus früh absehbar: Dr. Beeg, 1857: "Während des Belegens verläuft sich bei aller Sorgfalt viel Quecksilber und dringt sogar durch die Fußböden."[9]

So z.B. das Amtshaus am Kohlenmarkt – heute Technische Rathaus, das vormals das Wohnhaus und die Fabrik der Spiegelfabrikantenfamilie Bendit war, musste Ende des 20. Jahrhundert mit hohen technischen und zeitlichen Aufwand kostspielig saniert werden.

Aber alle Gebäude, die bis Anfang des 20. Jahrhunderts Spiegelfabriken waren, mussten und müssen, aufgrund der Quecksilberverseuchung, saniert werden.

Einzelnachweise

  1. Beyträge zur Geschichte der Künstler und Handwerker zu Fürth. In: Journal von und für Franken, Band 4, S. 708-728, 1792 - online-Digitalisat der Universität Bielefeld
  2. J. K. Beeg: Die Fürther Spiegelmanufaktur. In: Jahresbericht der Königlichen Gewerb- und Handelsschule zu Fürth in Mittelfranken, 1856/57. - zum online-Digitalisat der Bayerischen Staatsbibliothek
  3. J. K. Beeg: Die Fürther Spiegelmanufaktur. In: Jahresbericht der Königlichen Gewerb- und Handelsschule zu Fürth in Mittelfranken, 1856/57. - zum online-Digitalisat der Bayerischen Staatsbibliothek
  4. Philipp Berlin: Die Bayerische Spiegelglasindustrie., 1909, S. 22. zum online-Digitalisat
  5. Michael Müller: Seligman Bendit & Söhne Spiegelglas- und Fensterglas-Fabriken, in: Fürther Geschichtsblätter, Heft 2/2006 und 3/2006, 56. Jg., S. 24. - zur pdf-Datei
  6. Philipp Berlin: Die Bayerische Spiegelglasindustrie., 1909, S. 112. zum online-Digitalisat
  7. Philipp Berlin: Die Bayerische Spiegelglasindustrie., 1909, S. 112f. zum online-Digitalisat
  8. Philipp Berlin: Die Bayerische Spiegelglasindustrie., 1909, S. 22. zum online-Digitalisat
  9. J. K. Beeg: Die Fürther Spiegelmanufactur. In: Jahresbericht der Königlichen Gewerb- und Handelsschule zu Fürth in Mittelfranken, 1856/57. - zum online-Digitalisat der Bayerischen Staatsbibliothek


Literatur

  • Dr. J. Kerschensteiner: Die Fürther Industrie in ihrem Einfluss auf die Gesundheit der Arbeiter. München 1874.
  • Bruno Schoenlank: Die Fürther Quecksilber-Spiegelbelegen und ihre Arbeiter : wirtschaftsgeschichtliche Untersuchungen. I.–II. In: Die neue Zeit. Revue des geistigen und öffentlichen Lebens. 5 Jg. (1887), Heft 4, S. 145–164 Digitalisat
  • Bruno Schoenlank: Die Fürther Quecksilber-Spiegelbelegen und ihre Arbeiter : wirtschaftsgeschichtliche Untersuchungen. II. In: Die neue Zeit. Revue des geistigen und öffentlichen Lebens. 5 Jg. (1887), Heft 5, S. 204–219 Digitalisat
  • Bruno Schoenlank: Die Fürther Quecksilber-Spiegelbelegen und ihre Arbeiter : wirtschaftsgeschichtliche Untersuchungen. III. In: Die neue Zeit. Revue des geistigen und öffentlichen Lebens. 5 Jg. (1887), Heft 6, S. 256–266 Digitalisat
  • Bruno Schoenlank: Die Fürther Quecksilberspiegelbelegen und ihre Arbeiter. Verlag Dietz, Stuttgart 1888.

Lokalberichterstattung

  • Martin Möller: Geld für die Beseitigung der Quecksilber-Altlasten. In: Fürther Nachrichten vom 11. Mai 1995, S. 38.

Siehe auch

Spiegelfabriken

Weblinks