Kinderheim St. Michael

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Jugendgruppe vor der Einrichtung Kinderheim St. Michael, ca. 1965

Kinderheim St. Michael (KIM) ist ein Kinderheim in Fürth. Es befindet sich in der Poppenreuther Straße 13.

Geschichte[Bearbeiten]

Aufruf zur Gründung einer Mägdeherberge 1861

Mägdeherberge und Krankenwartstation[Bearbeiten]

Am 15. Juni 1861 wurde der „Lutherische Verein für weibliche Diakonie a. V. Fürth“ von 15 Mitgliedern gegründet, um eine „Mägdeherberge“ ins Leben zu rufen. Hintergrund dieser Herberge war, dass im 19. Jahrhundert häufig junge Mädchen aus dem bäuerlichen Umland in die Stadt zogen, um in bürgerlichen Haushalten zu arbeiten. Wurden diese Mädchen oder Frauen aber krank oder gar schwanger, standen sie häufig ohne jeden Rückhalt mittellos auf der Straße. Um in dieser Notlage Abhilfe zu schaffen, diesen Frauen eine Hilfe anzubieten, gründete sich der Verein [1]. So entstand 1861 eine interkonfessionelle "Pflegeanstalt" als Zufluchtsort für verlassene weibliche Kinder in dem neugebauten Hause des Konrad Ott in der Heiligengasse. Die Aufsicht übernahm Dorothea Schröder, die Schwester von Wilhelm Löhe.

Da sich aber der betrieb einer Mägdeherberge und auch der Versuch einer Fabrikarbeiterinnen-Herberge in Fürth als schwierig herausstellte, kam bereits 1865 eine eine weitere Aufgabe für den Verein hinzu: der Unterhalt einer Krankenstation [2]. Da man sich mittlerweile auch um Pflegekinder kümmerte, vornehmlich aus ärmeren Familien, kam dies der späteren Arbeit mit Waisenkindern schon nahe. Diese Pflegestation bot 12 Kindern Platz. Beide Tätigkeitsbereiche wurden im Schröder'schen Hofe in Personalunion betrieben.

Das Waisenhaus in der Poppenreuther Straße[Bearbeiten]

Konrad Ott, Mitbegründer des Vereins, Stifter in der Stadt Fürth bzw. Industrieller, spendete dem Verein ein Grundstück mit Gebäude, das im Jahr 1875 an der Poppenreuther Straße 13 neu bezogen werden konnte. Das erste Gebäude bot 24 – 30 Pfleglingen Raum, war aber bereits von Anfang an viel zu klein. In der Folge kamen immer mehr hilfesuchende Kinder und Jugendliche, sodass nach nur 10 Jahren im Jahr 1885 die erste Vergrößerung der Anstalt vorgenommen wurde. Immerhin konnte die Kapazität fast verdoppelt werden auf nun 50 Pfleglinge. Gleichzeitig wurde die Aufgabe des Vereins auch um die Fürsorge von weiblichen Waisen erweitert.

Auch diese Kapazitätsverdopplung konnte nicht lange den Bedarf decken. Bereits 1891, also nach nur sechs Jahren, musste die Einrichtung erneut erweitert werden. Angeregt und großzügig mitfinanziert hatte den Erweiterungsbau der damalige Kirchenrat Friedrich Lehmus. Die nun größeren Räume und vor allem Kapazitäten ermöglichten es dem Verein nun auch erstmals Knaben und Jungen ebenfalls mit aufzunehmen. In der Folge wurden spätestens ab 1894 von der Armenpflege dem Waisenhaus erstmals auch fünf Knaben überwiesen. Im Jahr 1894 zählte der Verein bereits 90 Kinder, wovon 58 Mädchen und 32 Knaben waren. In der Anstalt selbst waren fünf Schwestern für die Kinder beschäftigt.

Das Waisenhaus in der Poppenreuther Straße, Erweiterungsbau von 1896 (rechts) und Ursprungsbau (links)
Kinderheim St. Michael (Waisenhaus); im Vordergrund links der Ursprungsbau daneben rechts der Erweiterungsbau Mädchen-Waisenhaus und Knaben-Waisenhaus von 1896

Die gemeinsame Unterkunft der beiden Geschlechter schien aber auf Dauer nicht zielführend zu sein. So entschied man sich 1896 erneut für einen Erweiterungsbau auf dem Grundstück, um ein eigenes Gebäude nur für Knaben zu errichten. Die Kosten hierfür beliefen sich auf 54.000 Mark.

1910 versorgte der Verein insgesamt 153 Pfleglinge, davon 100 Knaben und 53 Mädchen. Ein Jahr später zog der Verein in seinem Jubiläumsjahr Bilanz: in der Zeit des 50-jährigen Bestehens hatte er insgesamt 1 430 Kinder versorgt, 790 Mädchen und 640 Knaben. Diese wurden während dieser Zeit von 66 Schwestern und 22 Brüdern "in Liebe und Aufopferung" erzogen. 1915 zählte der Verein im Knaben- und Mädchenwaisenhaus durchschnittlich 100 Knaben und 60 Mädchen im Alter von 4 bis 14 Jahren, zu deren Erziehung in dem zweigeschossigen Haus mit Ess- und Schlafsälen [3] sieben Schwestern des Vereins, drei Diakone und vier Gehilfinnen - sog. Verbandsschwestern [4] - von der Diakonie Neuendettelsau zur Verfügung standen. Die schulpflichtigen Kinder besuchten die Volksschule in der Pestalozzistraße. Im Betriebsjahr 1912 - noch vor dem 1. Weltkrieg - wurden bereits 236 Kinder versorgt (138 Knaben, 98 Mädchen) in 8 331 Pflegewochen, was genau 58 318 Pflegetage entsprach. 1912 betrug das wöchentliche Verpflegungsgeld 4 Mark für Kinder aus der Stadt Fürth und 4,20 Mark für sog. auswärtige Kinder. Insgesamt wandte man 32.557 Mark für die Versorgung der Kinder auf, sodass sich die Kosten pro Kind auf ca. 3,91 Mark beliefen - und somit dem Verein als Träger einen kleinen Gewinn abwarf. Das Vermögen des Vereins bestand im Jahr 1912 aus einem Grundstockkapital in Höhe von 45.842 Mark und einem Stiftungsvermögen in Höhe von 26.400 Mark. Die Erträge der Stiftung wurden stets satzungsgemäß für Freiplätze, Ermäßigungen, Ferienspaziergänge und Grabunterhalt verwendet.

Um 1915 entstand auf dem Gelände Poppenreuther Straße 13 auch noch ein eigenes Waschhaus, eine Gartenhalle für die Kinder, ein Spielplatz und ein Garten. Nach wie vor wurden überwiegend Kinder aus dem unmittelbaren Umfeld Fürths aufgenommen, ob Doppel- oder Halbwaisen – ohne Rücksicht auf deren Konfession. Weiterhin wurden auch Kinder aufgenommen, deren Eltern zwar noch lebten, die jedoch an der Erziehung verhindert waren oder dazu als ungeeignet erschienen.[5]

In den Jahren des 1. Weltkriegs wurde die Situation im Kinderheim zunehmend schwieriger. Nicht nur, dass man im Kriegsjahr 1916 insgesamt 257 Kinder zu versorgen hatte, vielmehr wurde es zusehends auch schwieriger, die Versorgung mit Lebensmitteln und Kleidung aufrecht zu erhalten. Wie für die meisten Vereine und Kapitalgesellschaften kam nach dem Krieg als nächster Schicksalsschlag 1923 die Inflation, die das Vereinsvermögen vollständig aufzehrte. Die damaligen Kostgeldsätze während der sog. Hyperinflation bewegten sich zwischen 400.000 und 2.285.000.000 Mark. Nur durch die Fürsorge der Stadtverwaltung und Spenden aus der Bevölkerung konnte im Anschluss der Betrieb weiter aufrechterhalten werden.

Im 2. Weltkrieg war im Kinderheim auch ein Lazarett untergebracht. Nach dem 2. Weltkrieg veränderte sich zunehmend das Klientel. Während zuvor Kinder meist in finanzieller Notlage oder durch Flucht und Vertreibung bzw. Obdachlosigkeit oder Krankheit den Weg ins Kinderheim fanden - so kamen ab den 1960er und 1970er Jahren zunehmend Kinder aus psychischen Nöten in die Betreuung des Vereins, u. a. verursacht durch die Alkohol-, Drogen- und Medikamentensucht der Eltern bzw. der Kinder selbst.[6]

Im Jahr 1970 übernahm die Kirchengemeinde St. Michael der "Krankenwartstation". Damit wurde der Lutherische Verein nach mehr als einhundert Jahren seiner Verantwortung und Verpflichtung für die „Krankenwartstation“ enthoben.

Mit Beginn des Jahres 2012 übergab der Lutherische Verein für weibliche Diakonie a. V. die Trägerschaft den Rummelsberger Diensten für junge Menschen gGmbH, blieb aber Eigentümer des Grundstückes samt Gebäude und für das Kinderheim als Förderverein weiter bestehen.

Waisenhaus Personal [7][Bearbeiten]

Unter den Diakonie-Schwestern ist Schwester Marie Stumpf besonders erwähnenswert, die 1975 das Verdienstkreuz am Bande von Bundespräsident Walter Scheel erhielt.
Zu den Erzieherinnen im Waisenhaus zählte auch Luise Leikam. Sie unterrichtete dort kostenlos Kinder an Musikinstrumenten und leitete den Waisenhaus-Kinderchor, die sog. Kurrende. Mit dieser Kurrende trat sie an Wochenenden in der Fürther Innenstadt auftrat um Spenden für das Kinderheim einzusammeln. Leikams späteres Interesse für Kirchenmusik wurde wach gerufen von der Fürther Kirchenmusikerin Frieda Fronmüller. Durch diese Verbindung trat die Waisenhaus-Kurrende auch bei Kantaten und Gottesdiensten in St. Michael auf und sang u.a. dort bei etlichen Kantatengottesdiensten, so z.B. den Cantus firmus "O Lamm Gottes unschuldig" in der Matthäuspassion.

Nachdem die Diakonissen abgezogen worden waren ging die Verwaltung von der Oberschwester Emma Wagner an Helmut Mulzer über, der als Kind früher selber in der Einrichtung gewesen war und zeitweitig dort auch als Hausmeister fungierte. Der Fußballer "Charly" Mai, war aufgrund des frühen Todes seines Vaters und weil die Mutter ihn und seine drei Geschwister nicht alleine großziehen konnte ins Fürther Waisenhaus gekommen. Der gleichaltrige Helmut Mulzer begrüßte ihn später bei Besuchen immer mit "Grüß´ dich Karla, alte Flasch´n" [8]. Ebenso wie der Pfarrer der Kirche St. Michael Karl Will bekam auch Schwester Marie Stumpf von Karl Mai Kartengrüße von den Fußballländerspielen aus aller Welt.

Grab des Waisenhauses/Kinderheim St. Michael

Grab des Waisenhauspersonals am Fürther Hauptfriedhof[Bearbeiten]

Die Einrichtung des Waisenhauses/Kinderheims St. Michael hatte ein großes Familiengrab im Feld 33, Nr. 17 überlassen bekommen. In diesem Grab wurden Personen aus der Einrichtung begraben, wie Diakonissen, Erzieherinnen und Verwaltungspersonal. So finden sich auf diesem Grab Inschriften u.a. von
Frieda Bürger (17. Februar 1905 - 28.9.1968),
Hedwig Ott (6. November 1905 - 27.4.1980),
Schwester Marie Stumpf (9. März 1895 - 4. November 1984),
Helmut Mulzer (14.Juli 1928 - 10.6.1981) und auch
Luise Leikam (2. März 1923 - 15. August 2008),
sowie einem verunglückten Jungen Roberto Bernardino (2. Dezember 1989 - 15. Juli 2005).

Aufgaben und Ziele seit 2012[Bearbeiten]

Seit 2012 hat die Trägerschaft im Kinderheim die Rummelsberger Dienste für junge Menschen gGmbH übernommen. Die Kindertagesstätte der Rummelsberger Diakonie ist in heilpädagogischen Wohngruppen aufgebaut mit einer Zielgruppe von Kindern und Jugendlichen im Alter von 6–18 Jahren.

Plätze: (Stand 2020)

  • vier heilpädagogische Wohngruppen unterschiedlicher Schwerpunkte mit jeweils 8 Plätzen
  • teilzeitbetreute Wohngruppen mit 14 Plätzen
  • Erziehungsstelle mit 4 Plätzen

Zeitzeugenberichte[Bearbeiten]

“Waisenhaus“: Nach dem Krieg kamen meine Eltern und ich immer wieder auf den Weg nach Poppenreuth am „Waisenhaus“, wie es damals bezeichnet wurde, an der Poppenreuther Straße, vorbei. Die Erzählungen meiner Eltern, dass hier nur elternlose Kinder wohnen, machte mir als kleinen Jungen schon Angst und ließ sofort nach der Hand der Eltern greifen und beschleunigte sofort meine Schritte, um nur möglichst schnell von diesem unheimlichen Haus, wo eigentlich nur unglückliche Kinder wohnen können, (wie ich mir das damals so vorstellte) wegzukommen. Bei jedem Vorbeifahren heutzutage fällt mir immer wieder dieses Verhalten vor diesem Kinderheim ein. Als Nachtrag - an der Fassade zwischen den 1. und 2. Stock müsste nach meiner Erinnerung in großen Holzbuchstaben oder auch aufgemalt die Bezeichnung „Waisenhaus“ gewesen sein.[9]

Literatur[Bearbeiten]

Lokalberichterstattung[Bearbeiten]

  • Alexandra Voigt: Das Kinderheim wird abgerissen. In: Fürther Nachrichten vom 27. August 2021 - online abrufbar
  • Alexandra Voigt: Kinderheim wird zum Azubi-Quartier. In: Fürther Nachrichten vom 7. Oktober 2021 (Druckausgabe) bzw. Ende ist besiegelt: Wird das Fürther Kinderheim St. Michael abgerissen? In: nordbayern.de vom 8. Oktober 2021 - online abrufbar

Weblinks[Bearbeiten]

Siehe auch[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Die Gründung von Mägdeherbergen lag damals in der Luft. Erstmalig wurde in Deutschland durch Pfarrer Theodor Fliedner (1800 – 1864) in Berlin 1854 eine derartige Einrichtung nach Pariser Vorbild geschaffen (siehe dazu: Herberge für junge Dienstmädchen; auch weblink: Deutsche Digitale Bibliothek - Gründung einer evangelischen Mägdeherberge in Berlin.) Da diese Einrichtung im Jahr 1862 den Namen Marthahof annahm, firmierten viele Einrichtungen in Deutschland nach diesem Vorbild unter dem gleichen Titel.
  2. Korrespondenzblatt der Diaconissen von Neuendettelsau, Mai 1867, 10. Jahrgang, Nr. 5 - online verfügbar
  3. In persönlichen Erinnerungen berichtete Dieter Kittler am 12.10. 2021 noch lebhaft von den Schlafsälen. Etwa 20 bis 30 Betten wären in einem Saal gewesen.
  4. Schon bald nach der Gründung der ersten Diakonissen-Mutterhäuser gab es Frauen, die eine Gemeinschaft und die Arbeit in der Diakonie wünschten, aber nicht ehelos als Diakonisse leben wollten. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wuchs die Zahl dieser evangelischen Frauen, die als sogenannte "Freie Hilfen" oder auch "Hilfsschwestern" (später "Verbandsschwestern") in vielen Mutterhäusern ausgebildet wurden und ihren Dienst taten. Diese Frauen mussten verbandsmäßig organisiert werden, um im Nationalsozialismus der Eingliederung solcher "Hilfsschwestern" in die NS-Schwesternschaften zu entgehen. Die Verbandsschwestern wurden so zur zweiten Säule der diakonischen Arbeit
  5. E. Krentz: Öffentliche und private Wohlfahrtseinrichtungen allgemeiner Art in der Stadt Fürth, K. B. Hof- und Universtitätsbuchdruckerei von Junge & Sohn, Erlangen 1915, S. 119 ff.
  6. Homepage Kinderheim St. Michael, online abgerufen am 26. September 2021 | 1:33 Uhr
  7. Die Angaben stammen hauptsächlich aus einem Gespräch mit Dieter Kittler über persönliche Erinnerungen am 12.10. 2021. Dieter Kittlers Vater, Herbert Kittler, war nach dem Tod der Eltern selbst Zögling in der Einrichtung und später dort Hausmeister. Dessen Frau Georgine, Dieter Kittlers Mutter, hatte eine Anstellung als Schneiderin im Waisenhaus. Die Familie wohnte in Dieter Kittlers Kindheit im Waisenhaus. Schwester Maria Stumpf war Dieter Kittlers Patentante.
  8. So Dieter Kittler in persönlichen Erinnerungen am 12.10. 2021
  9. Von Benutzer:Nobbi48 - Eingefügt am 27. Juni 2020

Bilder[Bearbeiten]