Nieder mit dem Kapitalismus

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Die sog. Ketznweiber am Obstmarkt - im Hintergrund die polititsche Parole: Nieder mit dem Kapitalismus

Die Parole „Nieder mit dem Kapitalismus“ trat erstmals um die Jahrhundertwende im Rahmen der sog. Klassenkämpfe auch im deutschsprachigem Raum auf, basierend auf den Schriften von Karl Marx.

Die Parole selbst ist erstmals im Fürther historischen Kontext auf einer Fotografie von Johann Georg Heinrich Lotter zu sehen, dem Fürther Chronisten und Fotografen aus den 1910er Jahren. Hauptmotiv des Fotos sind die sog. Ketznfrauen, die meist in Tracht ihre Waren in einem Korb tragend von Haustür zu Haustür verkauften. Auf dem vom Lotter aufgenommen Foto sind drei dieser Frauen vor dem Haus Königstraße 76 zu sehen, während im Hintergrund als Schriftzug die Parole „Nieder mit dem Kapitalismus“ an der Hausfassade zu lesen ist. Der Schriftzug fiel einem FürthWiki-Autor im Dezember 2020 nur zufällig auf, bei der Suche nach geeigneten Fotos zur Nachkolorierung.

Eine erste farbliche Nachbearbeitung des Fotos zeigte, dass der Schriftzug vermutlich rot oder braun gewesen sein muss. Eine Datierung fällt schwer, erklärbar wäre aber die Anbringung des Schriftzugs gegen Ende der 1910er Jahre - während der sog. Räterepublik. Diese hatte im Frühjahr 1919 in Fürth bestanden - womit eine Platzierung der Parole zumindest denkbar wäre. An dem heutigen Gebäude Königstraße 76 ist allerdings der Schriftzug nicht mehr erkennbar, auch nicht an späteren (historischen) Aufnahmen.

Dass die Parole offensichtlich an diesem Ort angebracht wurde könnte damit zusammenhängen, dass in der Königstraße 76 ehemals sich das städtischen Verwaltungsgebäude für die Arbeitslosengeld Auszahlung befand. Dabei befand sich der Eingang für die männlichen Arbeitslosen vorne in der Königstraße, während der Zugang für die weiblichen Stellungslosen sich hinten befand (Beginn Mohrenstraße).[1]

Wiederentdeckung 2022[Bearbeiten]

"Nieder mit dem Kapitalismus" an der Ludwig-Erhard-Straße 19, freigelegt im Juli 2022

Bei Bauarbeiten am Gebäude des ehem. Schuh-Hofer in der heutigen Ludwig-Erhard-Straße 19 fiel im Juli nach der Entfernung der Außenfassade auf, dass ein gleicher Schriftzug an der Fassade zu Tage kam. Der Schriftzug ist im Vergleich zu der Fotoaufnahme vom Anfang des Jahrhunderts nahezu identisch. Letzteres lässt somit den Schluss zu, dass die Aufbringung des Schriftzugs mittels einer Schablone und eines Farbpinsels erfolgte. Die Nähe zum Rathaus - am damals sehr wichtigen Obstmarkt - lässt nicht nur den politisch klaren Kontext zur Zeitgeschichte erkennen, sondern auch vermuten, dass noch weitere Schriftzüge an Fürther Häusern existiert haben könnten.

Der Schriftzug an der Fassade von Ludwig-Erhard-Straße 19 befindet sich in ca. 1,5 m Höhe, rechts neben dem Haupteingang zum Gebäude. Es scheint in der Vergangenheit den Versuch gegeben zu haben, die Parole zu übermalen. Zuletzt verschwand der Schriftzug hinter der vorgeblendete Fassade des Schuhgeschäftes – und somit vor den Blicken der Passanten. Letzteres hat ebenfalls das Überleben der vermutlich über 100 Jahre alten Parole, heute würde man vermutlich von einem Graffiti sprechen - gesichert. Ob der Schriftzug erhalten bleibt, oder durch die Sanierungsarbeiten entfernt wird, ist bis Stand August 2022 nicht klar.

»Vergegenwärtigung«[Bearbeiten]

Hier kann per horizontaler Mauszeigerbewegung zwischen dem schwarzweißen Originalfoto und einer nachkolorierten Fassung gewechselt werden:



Aufschrift "Nieder mit dem Kapitalismus" am Obstmarkt, an Ostseite von Königstraße 76; Kolorierung mit MyHeritage in Color (tm)

Sonstiges[Bearbeiten]

Im Stadtgebiet gibt es eine weitere historische politische Parole, die ebenfalls aus der Zeit der Weimarer Republik stammen könnte. Dabei handelt es sich um eine Aufforderung zur Wahl der SPD zur Reichstagswahl 1932. Maler dieser Parole scheint ein Mitglied der ehem. SPD nahen paramilitärischen Organisation "Eiserne Front" gewesen zu sein. Die Parole hat die Jahrzehnte an der Feldscheune in Unterfarrnbach überdauert - verblasst aber zunehmend.

Lokalberichterstattung[Bearbeiten]

  • Alexandra Voigt: Wandparole entzückt die Denkmalschützer. In: Fürther Nachrichten vom 10. August 2022

Siehe auch[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Quelle: Adressbücher der 1920er Jahre

Bilder[Bearbeiten]