Müll-Schwelbrennanlage

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Die Müll-Schwelbrennanlage im Mai 2018
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Siemens KWU bot der Stadt Fürth 1985 eine kostenlose Versuchsanlage zur Müllverschwelung an. Die Kosten wurden 1990 auf 32 Millionen Deutsche Mark beziffert (ca. 16 Mio. Euro), die sich bereits bis 1995 auf 66 Millionen DM (ca. 33 Mio. Euro) verdoppelten. 1997 konnte die Fürther Müll-Schwelbrennanlage (kurz: SBA) fertiggestellt werden, jedoch waren bis zu diesem Zeitpunkt die Kosten völlig aus dem Ruder gelaufen und beliefen sich statt der ursprünglich geplanten 16 Mio. nun 125 Mio. Euro, womit das Pilotprojekt der Firma Siemens zum damaligen Zeitpunkt eines der teuersten Pilotprojekte der Firma im regionalen Raum darstellte. Ziel der Anlage sollte die Verschwelung von Restmüll sein, zur Herstellung elektrischer Energie.

Nach der Genehmigung durch die Regierung von Mittelfranken begann der Bau der SBA im September 1994. Nach einem gescheiterten Bürgerbegehren (siehe Abschnitt: Protest) wurde die Anlage noch vor Inbetriebnahme privatisiert (1995) und an die Stromkonzern-Tochter UTM GmbH veräußert - mit dem Ziel, weiteren Müll aus der unmittelbaren Umgebung (z. B. Erlangen) aufzunehmen. Hintergrund der Erweiterung war, dass die Auslastungskapazitäten durch den Betreiber viel höher als benötigt geschätzt worden war, so dass die tatsächlich deutlich geringe Auslastung mit Müll kaum rentabel für den Betreiber war, so dass nur durch eine deutliche Kapazitätsauslastung ein wirtschaftlicher Betrieb sinnvoll erschien.

Protest

Bereits vor dem Bau der Anlage wurde öffentlich der Protest gegen die Anlage laut, da bei der Verschwelung hochgiftige Schwelgase entstehen, und die Verschwelung des Mülls als ökologisch nicht sinnvoll erachtet wurde. Der Bund Naturschutz hielt den Betreibern der SBA gemeinsam mit dem Verein "Müll und Umwelt e. V. Fürth" ein alternatives Abfallkonzept entgegen. Breite Unterstützung kam aus weiten Kreisen der Bevölkerung, unter anderem durch mehrere große Demonstrationen zwischen 1990 und 1993. Der Verein Müll und Umwelt initiierte schließlich im Jahr 1993 ein Bürgerbegehen, das innerhalb kürzester Zeit mit 27.000 Einwendungen die erste Hürde nehmen konnte. Es folgte eine neuntägige Anhörung im Nürnberger Messezentrum, bei der die Einwendungen und das alternative Müllkonzept vorgetragen bzw. abgewogen wurden. Währenddessen begann bereits der Bau am Hafengelände, woraufhin fünf Betroffene gegen den Baubescheid mit dem Ziel des Baustopps klagten, jedoch ohne Erfolg. Der darauf folgende Bürgerentscheid scheiterte schließlich knapp mit 49 % zu 51 %.[1]

Scheitern und Schließung

Nach der Inbetriebnahme 1997 traten zahlreiche technische Probleme in der Anlage auf, wie z. B. Materialstau, Softwareausfall und Schwelgasfreisetzung nach einer Bypassöffnung. Eine neugegründete Initiative "Bürger beobachten die Schwel-Brenn-Anlage" dokumentierte diese Fälle genau und veröffentlichte regelmäßig die Störfälle. 1998 wurde von Seiten des Betreibers nochmals nachgebessert, doch beim Probelauf im August 1998 kam es zum entscheidenden Störfall, der das Aus für die Anlage bedeutete. Ein Metallgeflecht im Müll führte zu einem Materialstau, in der Folge wurde eine Schweltrommeldichtung zerstört, so dass giftiges Schwelgas austrat und 73 Personen in und um die Anlage verletzt wurden.[2] Nach dieser Pannenserie musste die Schwelbrennanlage - nur ein Jahr nach Inbetriebnahme - 1998 außer Betrieb genommen werden. Der Fürther Restmüll muss seit der Schließung des Müllbergs und der Schließung der Schwelbrennanlage fortan in die Nürnberger Müllverbrennung gebracht werden.[3]

Der Ausstieg aus dem Pilotprojekt wurde für die Stadt Fürth (und dem Landkreis) zum größten finanziellen Debakel in der Fürther Stadtgeschichte. Die Stadt Fürth hatte sich eine Technologie von der Firma Siemens aufdrängen lassen, die sich im Nachhinein als noch völlig unausgereift und für die eigenen Verhältnisse völlig unzulänglich herausstellte. So wurde der teure Stahlbau über Nacht zur unbrauchbaren Ruine. Bereits beim Bau mussten die Partner im Zweckverband Abfallbeseitigung Rangau (ZAR) einer Risikobeteiligung zustimmen. Als die SBA endgültig außer Betrieb ging, hatte die Stadt für den Ausstieg aus dem Projekt 8,8 Millionen Mark (4,4 Mio. Euro) an Siemens zu zahlen; weitere 5 Millionen Mark (2,5 Mio. Euro) musste der damalige Müllzweckverband aus dem Landkreis aufbringen.

Verkauf

1999 erwarb der Bauunternehmer Günther Karl die Anlage von Siemens. Wie erst Anfang 2009 bekannt wurde, hatte dieser die stillgelegte SBA bereits zum 13. März 2008 an die Max Aicher GmbH, Freilassing weiterveräußert.[4] Noch 2009 hatte ein Firmensprecher gegenüber der Presse vermeldet, dass man das Gelände "aktiv und sinnvoll weiterentwickeln" wolle - so war von einem Tauchzentrum oder einer Disco die Rede. Tatsächlich hat hier lediglich die Feuerwehr einige Übungen abgehalten, bzw. die Nürnberger Theatergruppe "Pocket Opera Company" im Jahr 2004 einige Inszenierungen dargeboten.

Abriss

Im Juni 2018 gab der Eigentümer bekannt, dass das Gebäude nach 20-jährigem Leerstand nun abgerissen wird. Die Eigentümerfirma hat bei der Stadt entsprechende Anträge gestellt, wie auch der Wirtschaftsreferent Horst Müller gegenüber der Presse bestätitgte. Genauere Angaben über die weitere Nutzung des Geländes wollte der Eigentümer noch nicht bekannt geben.[5]

Chronik der SBA

  • 1985: Die Firma Siemens tritt mit Fürth in Verhandlungen über eine SBA
  • 1989: Der Zweckverband Abfallbeseitigung Rangau (ZAR) spricht sich für eine SBA von Siemens aus
  • 1991: Volksbegehren gegen Müllschwellbrennanlagen scheitert in Bayern, zu Gunsten von Siemens
  • 1992: Im Rahmen der formalen Bürgerbeteilung wird das Planfeststellungsverfahren zur Errichtung einer SBA ausgelegt
  • 1993: Insgesamt 23.500 Einwendungen gehen gegegen die SBA ein, im Rahmen des Planfeststellungsverfahrens
  • 1993: Die Anhörung der Einwendungen findet in der Messe Nürnberg statt
  • 1994: Fünf Anwohner klagen gegen den Bau der SBA, die Regierung von Mittelfranken genehmigt den Bau der SBA
  • 1995: Die SBA wird privatisiert, der bisherige Betreiber Siemens veräußert das Projekt an die Baynerwerktochter UTM
  • 1996: Ein Bürgerentscheid gegen die SBA scheitert
  • 1997: Die Klagen gegen den Bau bzw. Betrieb der SBA werden vor Gericht abgewiesen, die Belieferung von Müll beginnt
  • 1998: Die Anlage muss mehrfach überholt werden, da immer wieder Pannen auftreten
  • 1998: Durch eine defekte Schweltrommeldichtung tritt explosionsartig Schwelgas aus, dabei werden 73 Personen verletzt
  • 1999: Die ZAR kündigt alle Verträge mit der SBA, der Fürther Müll wird nun nach Dettendorf im Landkreis Neustadt/ Aisch verbracht
  • 1999: Siemens verabschiedet sich von dem Projekt und erklärt das Projekt SBA für beendet bzw. verfolgt dieses Thema nicht weiter
  • 2000: Der Fürther Müll wird inzwischen in die Müllverbrennungsanlage nach Nürnberg verbracht - die SBA wird stillgelegt
  • 2001: Pläne, die SBA umzubauen, werden nicht genehmigt
  • 2018: Der Abriss der Anlage wird genehmigt - im Juli fangen die Abrissarbeiten an

Protest-Marterl

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Von den Bürgerinitiativen gegen die Schwelbrennanlage aufgestelltes "Protest-Marterl" gegenüber der Abzweigung des Aischwegs von der Mainstr.
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1994 errichtete der Verein Müll und Umwelt e. V. ein sog. "Protest-Marterl" gegen die Müll-Schwelbrennanlage. Der ehem. Grabstein stammt von einem aufgelassenen Grab aus dem Burgfarrnbacher Friedhof. Das Protest-Marterl hat die Müll-Schwelbrannanlage "überlebt" und steht weiterhin mahnend an der Mainstraße/ Ecke Aischweg bzw. Schwarzachstraße.

Sonstiges

Gegen 10:24 Uhr ging am Sonntag, den 28. Januar 2018 der Feueralarm bei der Berufsfeuerwehr Fürth ein. Im 2. Obergeschoss brannte ein ca. 20 m2 großer Raum mit Kartonagen und Müll.[6] Vier Wochen später, am 23. Februar, brannte es in der Anlage erneut; kurz danach konnte die Polizei vier verdächtige junge Männer festnehmen, die die Brandstiftung zugaben.[7]

Siehe auch

Lokalberichterstattung

  • Bernd Noack: Statt Müll brannte die Leidenschaft. In: Fürther Nachrichten vom 10. Januar 2011 - online abrufbar
  • Birgit Heidingsfelder: Müll-Ruine vor dem Abbruch. In: Fürther Nachrichten vom 9. Juni 2018 (Druckausgabe, S. 34) bzw. Fürths Schwelbrennanlage vor dem Abbruch. In: nordbayern.de vom 9. Juni 2018 - online abrufbar
  • Birgit Heidingsfelder: Schwelbrennanlage: Abbruchfirma will bald loslegen. In: Fürther Nachrichten vom 23. Juni 2018 (Druckausgabe) bzw. nordbayern.de vom 24. Juni 2018 - online abrufbar
  • Birgit Heidingsfelder: Irritationen um Abbrucharbeiten. In: Fürther Nachrichten vom 2. Juli 2018 (Druckausgabe) bzw. Millionengrab: Fürths Schwelbrennanlage wird abgerissen. In: nordbayern.de - online abrufbar
  • ja: Millionengrab: Fürths Schwelbrennanlage verschwindet. In: nordbayern.de vom 7. August 2018 - online abrufbar
  • Armin Leberzammer: „Super-Gau für eine industriehörige Politik”. In: Fürther Nachrichten vom 26. September 2018 (Druckausgabe)

Einzelnachweise

  1. Waltraud Galaske: 20 Jahre Müll und Umwelt Fürth, Information der Bundesarbeitsgemeinschaft "Das Bessere Müllkonzept", Oktober 2008 - online abrufbar
  2. Johannes Alles: Der Tag, an dem die Giftwolke über Fürth zog. In: Fürther Nachrichten vom 28. August 2008 - online abrufbar
  3. Website der Müllverbrennung Nürnberg
  4. Volker Dittmar: Ex-Müllofen wechselte Besitzer. In: Fürther Nachrichten vom 2. Februar 2009 - online abrufbar
  5. Birgit Heidingsfelder: Müll-Ruine vor dem Abbruch. In: Fürther Nachrichten vom 9. Juni 2018 (Druckausgabe, S. 34)
  6. Feuer in der alten Schwelbrennanlage. In: Fürther Nachrichten vom 29. Januar 2018 (Druckausgabe) bzw. fn: Feuer verwüstet alte Schwelbrennanlage in Fürth. In: nordbayern.de vom 28. Januar 2018 - online abrufbar
  7. fn: Festnahme nach Brand. In: Fürther Nachrichten vom 26. Februar 2018 (Druckausgabe) bzw. Serie in Fürther Schwelbrennanlage: Brandstifter gefasst. In: nordbayern.de vom 25. Februar 2018 - online abrufbar

Bilder

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