David Spiro

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Jean Mandel (links mit Zylinder), Vorsitzender der Israelitischen Kultusgemeinde Fürth und Rabbiner David Spiro (Bildmitte), beim Gottesdienst in der neuen Synagoge, 1968

David Spiro (geb. 1901 in Ksionz-Wielki, Kreis Kieke, Polen; gest. 17. Oktober 1970 in Jerusalem) war Rabbiner im Rabbinat Warschau und von 1945 bis 1970 der erste Rabbiner der jüdischen Gemeinde Fürth nach der Nazi-Diktatur. Spiro war verheiratet, aus der Ehe stammten vier Kinder. Sowohl die Ehefrau, also auch die vier Kinder, überlebten den Naziterror nicht.

Leben und Wirken[Bearbeiten]

Spiro kam als Sohn einer orthodox jüdischen Familie im polnischen Ksiaz Wielki zur Welt. Seine Kindheit war geprägt von der chassidischen Ausprägung des jüdischen Glaubens, die ein Teil des sog. ultraorthodoxen Judentums darstellt. Besonders sein Großvater Mosche Nathan Spiro als auch sein Onkel Samuel Bronstein - beides ebenfalls Rabbiner - schienen David Spiro in seiner religiösen Ausrichtung als Kind und Jugendlicher geprägt zu haben. Nach Abschluss seiner Ausbildung und Studium von Talmud und Thora heiratete Spiro die Tochter des Warschauer Rabbiners Chaim Jehoschua Gutschlechter. Im Jahr 1936 erhielt er als jüngstes Mitglied den Ruf zur Mitgliedschaft im Warschauer Rabbinat.

In Warschau erlebte er im September 1939 den Überfall auf Polen und den Einmarsch in die polnische Stadt durch die Deutsche Wehrmacht. Während der Zeit der Besetzung wurde Spiro in den sog. Judenrat im Warschauer Ghetto berufen, dem er bis zur Liquidierung des Ghettos im April 1943 angehörte. Es folgte ein langer Leidensweg zur Zeit des Naziterrors in verschiedenen Konzentrationslagern, darunter u.a. die KZ Budzyn, Flossenbürg, Hersbruck und Dachau. Im Frühjahr 1945 erkrankte Spiro im KZ Dachau schwer und überlebte die Befreiung nur knapp. Sein Bruder Abraham Spiro, der einzig überlebende seiner weitläufigen Familie, fand nach eigenen Angaben seinen Bruder mehr tot als lebendig im KZ Dachau. Abraham Spiro konnte frühzeitig emigrieren und durchlief in den 1930er Jahren in einem Stipendium am Jewish Theological Seminary in New York die Rabbinerausbildung. Mit Eintritt der USA in den 2. Weltkrieg meldete sich Abraham Sprio als freiwilliger zur US-Army und versah seinen Dienst als Seelsorger in der US-Army (Chaplain) und war Teil der Landung der US-Truppen 1944 in der Normandie.

Da sein Bruder Abraham in der US-Zone in Bayern (Region Nürnberg) stationiert war, beschloss David Spiro seinem Bruder zu folgen. Er hatte während des Naziterrors seine ganze Familie verloren - Frau, Kinder, Eltern und Geschwister - und wollte so zumindest in der Nähe seines Bruders sein. So fand er den Weg nach Fürth in eines der damals großes Lager sog. Displaced Person (DP) - dem Camp Finkenschlag. Schnell avancierte der charismatische Spiro zum spirituellen Führer der dort lebenden Menschen und prägte die Gemeinde wie kein Zweiter. Gemeinsam mit Jean Mandel belebte der jüdische Gemeinde unmittelbar nach Kriegsende in Fürth. Er reaktivierte ein jüdisches Ritualbad in einem Gebäudekeller, dass er zuvor entdeckt hatte - führte die koschere Küche im DP-Lager ein und hielt regelmäßig Gottesdienste und Lehrstunden im ehem. jüdischen Waisenhaus ab. Mit Spiro wurde die jüdische Gemeinde in Fürth ein neues Zentrum für Orthodoxie im Nachkriegsdeutschland und seine Beratung in allen Lebenslagen, insbesondere in der Fragestellung bei Scheidungen und Eheschließungen, war weit über die Stadtgrenze Fürths geschätzt. Insbesondere der fehlende Nachweis eines verstorbenen Ehepartners durch den Nazi-Terror erschwerte die erneute Heirat des Überlebenden im jüdischen Glauben. Spiro galt als umfassender Experte im halachischen Wissen, der sog. rechtlichen Überlieferung des Judentums, mit dessen Hilfe schwierige Eheentscheidungen nach dem orthodoxen jüdischen Ritus erneut möglich wurden. Dieses Wissen führte im Sommer 1946 sogar dazu das die Rabbinerkonferenz - als Teil des späteren Zentralrates der Juden in Deutschland - Spiro ganz offiziell mit dieser schwierigen Aufgabe betraute.

Auf Initiative Spiros wurden ab 1947 zwei Talmud-Thoar-Schulen gegründet - in der ehem. städtischen Religionsschule war zunächst Platz für 12 und im Camp-Cheder für 15 Jungen. Mit der Auflösung der Camps im Jahr 1949 - und der damit einhergehenden Übersiedlung eines Großteils der Bewohner in den neu geschaffenen Staat Israel oder nach Übersee - veränderte sich auch in Fürth das aktive religiöse Leben. Die Mitgliederzahlen und Aktivitäten in der jüdischen Gemeinde gingen dramatisch zurück, selbst der Besuch der Koscheren Küche sank dramatisch. Im Gemeindeblatt der jüdischen Gemeinde war zu lesen: Die Gemeinde ist am Bestehen dieser idealen Einrichtung sehr interessiert; sie ist eine unbedingte Notwendigkeit für unsere Stadt. Umso unbegreiflicher ist es, dass die Küche heute so einen mangelhaften Besuch aufweist und viele unserer Leute, die nicht zu hause essen können, lieber andere Gaststätten aufsuchen.[1] Spiro wurde mittels finanzieller Hilfestellung die Übersiedlung der Gemeinde angeboten, z.B. durch die Bereitstellung einer Wohnung und eines Betsaals in Israel. Zu dieser Übersiedlung kam es allerdings nicht und auch Spiro entschied sich zunächst in Fürth zu bleiben.

1954 wurde David Spiro eine große Ehre zu Teil, in dem am 31. Oktober 1954 die Gründungsversammlung der "Vereinigung für Thoratreues Judentum" aus prominenten Vertretern der Orthodoxie aus ganz Deutschland in Fürth abgehalten wurde. Rabbiner Spiro nahm an dieser Versammlung teil und eröffnete die Veranstaltung feierlich, deren Schirmherr er auch war. Ergebnis der Versammlung war, dass „den in Deutschland lebenden Juden nach den Jahren der Vernichtung und Vertreibung ein Leben im Geist der Tradition“ zu ermöglichen sei, wobei „das Gesetz der Thora allein verbindlich (unabänderlich)“ als Grundlage zu gelten habe. Allerdings sind keine weitere Aktivitäten dieser Vereinigung bekannt, sodass davon ausgegangen werden muss, dass die Organisation nie aktiv im Anschluss ihre Arbeit aufgenommen hat.[2]

Mitte der 1960er Jahre initiierten Emigranten in Zusammenarbeit mit David Spiro eine Talmudhochschule in der israelischen Stadt Bnei Brak, nordwestlich von Jerusalem. Die Hochschule (Jeshiwa) namens Beit David. Ende der 1960er Jahre erkrankte David Spiro unheilbar. Nach eigenen Angaben wollte er nicht im Galut (Diaspora) sterben, weshalb der kurz vor seinem Lebensende Fürth für immer verließ und nach Jerusalem umsiedelte.

Am 17. Oktober 1970 verstarb der 1. und langjährige Rabbiner Fürths nach dem 2. Weltkrieg in Jerusalem. Er ist auf dem Har HaMenuchot Friedhof in Jerusalem beerdigt.

Rabbiner-Spiro-Preis[Bearbeiten]

Der Landesverband der Israelitischen Kultusgemeinden in Bayern (Sitz: München) vergibt seit seinem 60jährigen Jubiläum 2007 den „Rabbiner-Spiro-Preis“. Der Preis soll an den großen Fürther Rabbiner erinnern, der trotz seiner Erlebnisse durch den Naziterror an eine jüdische Zukunft in Deutschland glaubte und so zum wirkungsvollen Ratgeber für viele wurde.

Die Auszeichnung geht an Persönlichkeiten, die zur Aufrechterhaltung und Entwicklung jüdischer Gemeinden in Bayern beigetragen haben. Erster Preisträger war 2007 Edmund Stoiber, der ehemalige bayerische Ministerpräsident. [3]

  • 2007 Edmund Stoiber, ehemaliger bayerischer Ministerpräsident
  • 2009 Johannes Friedrich, Landesbischof [4]

Literatur[Bearbeiten]

  • Dr. Mosche Rosenfeld: The Rav of Fürth. Israel, Eigenverlag, 2021
  • Sascha Freese und Kim Graf, Staatl. BOS Nürnberg, Klasse VKTB: Fürth - das „fränkische Jerusalem“. Dokumentation der Arbeit, 11. Mai 2007, 17 Seiten - PDF-Datei History-Award 2007
  • Michael Trüger: Rabbiner David Spiro sel. A. - 60 Jahre Landesverband der Israelitischen Kultusgemeinden in Bayern. In: Jüdisches Leben in Bayern. Mitteilungsblatt des Landesverbandes der israelitischen Kultusgemeinden in Bayern, 23. Jahrgang, Nr. 106, April 2008, S. 6
  • Esther Farbstein: Hidden in Thunder. Perspectives on Faith, Halachah and Leadership during the Holocaust, Jerusalem, 2007
  • Julius H. Schoeps (Hg.): Der Wiederaufbau der Jüdischen Gemeinde Fürth nach 1945. In: Julius H. Schoeps (Hg.), Leben im Land der Täter. Juden im Nachkriegsdeutschland 1945-1952, Berlin, 2001
  • Jim G. Tobias: Vorübergehende Heimat im Land der Täter. Jüdische DP-Camps in Franken 1945-1949, Nürnberg, 2002
  • Peter Honigmann: Die Gründung der „Vereinigung für Thoratreues Judentum“ 1954 in Fürth. In: Nachrichten für den jüdischen Bürger Fürths, (NJBF), 1994
  • Monika Berthold-Hilpert: Die frühe Nachkriegsgeschichte der jüdischen Gemeinde Fürth (1945-54). In: Julius H. Schoeps (Hg.), Menora, Jahrbuch für deutsch-jüdische Geschichte 1998

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise und Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. Jüdisches Gemeindeblatt, Ausgabe 1950
  2. Peter Honigmann: Die Gründung der „Vereinigung für Thoratreues Judentum“ 1954 in Fürth. In: Nachrichten für den jüdischen Bürger Fürths, (NJBF), 1994
  3. JA/zu: Festakt zum 60. Jubiläum. In: Zukunft, 7. Jahrgang Nr. 12 / 21. Dezember 2007 - 12. Tewet 5768. Nachrichten des Zentralrats der Juden in Deutschland - im Internet
  4. Landesbischof Friedrich erhält den Rabbiner-Spiro-Preis. In: epd - Landesdienst Bayern vom 3. Juli 2009 - im Internet

Bilder[Bearbeiten]