Emilie Lehmus (geb. 30. August 1841 in Fürth im Pfarrhof, gest. 17. Oktober 1932 in Gräfenberg bei Erlangen) war die erste Medizinstudentin Deutschlands und erste Berliner Ärztin.

Ausbildung

Emilie wurde als Tochter von Pfarrer Friedrich Theodor Eduard Lehmus als eine von sechs Töchtern geboren. Dank der fortschrittlichen Einstellung der Eltern erhielt sie - wie auch ihre Schwestern - eine Berufsausbildung. In Paris setzte sie ihren Schulbesuch für Sprachstudien fort. Zurück in Fürth war sie als Lehrerin an einer höheren Töchterschule tätig, was darauf schließen lässt, dass sie in Paris das Lehrerinnenexamen absolviert hat.
Die 29-jährige Emilie Lehmus besuchte 1870 eine ihrer verheirateten Schwestern in Berlin und lernte dabei Henriette Hirschfeld-Tiburtius kennen. Auf einer gemeinsamen "Spreewaldwasserfahrt" reifte in ihr der Entschluss, Medizin zu studieren.[1] Von ihrem Vater Eduard Lehmus wurde sie daraufhin in Latein unterrichtet.

Medizinstudium in Zürich

In Deutschland selbst durften Frauen nicht studieren. So immatrikulierte sie im Oktober 1870 in Zürich zu Studienzwecken als zweite deutschsprachige Studentin, zwei Jahre nach der Schweizerin Marie Vögtlein.[2] Zürich entwickelte sich in jener Zeit als ein Zentrum internationaler weiblicher Studentenschaft.[3] Die Besonderheit in Zürich lag für weibliche Studenten darin, dass sie keinerlei Bildungsnachweise vorlegen mussten, lediglich ein "Sittenzeugnis". In vielen Ländern hatten Frauen nicht die Möglichkeit, sich mit dem Abitur an der Universität zu bewerben.

Während ihrer Studienzeit in Zürich lernte sie auch die Vorkämpferin für das Recht der Frauen zum Studium kennen, hier sind insbesondere Franziska Tiburtius und ihre Schwägerin Henriette Hirschfeld-Tiburtius zu nennen. Letztere war die erste selbständige, akademisch ausgebildete Zahnärztin Deutschland. Emilie Lehmus reichte ihre Promotionsarbeit am 27. Februar 1875 in Zürich ein.[2] Nach neun Semestern beendete Emilie ihr Studium im Sommer 1875 mit der Promotion „summa cum laude“, eine Auszeichnung die sonst in den zehn davor liegenden Jahren an der Züricher Universität nur sechs männlichen Prüflingen zuteil wurde.[4] Sie hoffte allerdings vergeblich darauf, in Deutschland mit ihrem Doktortitel zum Staatsexamen zugelassen zu werden.

Berufstätigkeit als erste Berliner Ärztin

Im Sommer 1875 ging sie sodann für einige Monate an die Universitäts-Entbindungsanstalt nach Prag zu Prof. Weber, im Anschluss an die Königliche Entbindungsanstalt und Frauenklinik nach Dresden. Dort war sie bei dem Gynäkologen Prof. Franz von Winckel tätig, dem damals einzigen Professor Deutschlands, der Assistentinnen aufnahm und an seiner Klinik ausbildete.

 
Gedenktafel, Emilie Lehmus und Franziska Tiburtius, in Alte Schönhauser Straße 23, Berlin-Mitte

Gemeinsam mit Franziska Tiburtius durfte sich Emilie Lehmus 1876 in Berlin mit behördlicher Duldung in einer Privatpraxis für Frauen und Kinder niederlassen, deren Türschild sie als Dr. med. der Universität Zürich auswies. Die Arbeit beider Ärztinnen wurde zwar seitens der Politik nicht anerkannt, umso mehr erfuhren die beiden Freundinnen einen großen Zulauf von ihrer Patientenschaft. Sie eröffneten am 18. Juni 1878 die erste Poliklinik weiblicher Ärzte für unbemittelte Frauen und Kinder in der Schönhauser Straße 23/24, die spätere "Klinik weiblicher Ärzte e. V.".[5][2]

Die Räume, eine Erdgeschosswohnung im Hinterhof, wurden ihnen vom Brauereibesitzer Bötzow kostenlos überlassen, Behandlungen der Patientinnen führten die Frauen meist zum Selbstkostenpreis aus. 15 Jahre lang blieben Lehmus und Tiburtius die einzigen Ärztinnen in Berlin, bis Frauen der zweiten Generation - die ebenfalls in Zürich studiert hatten - sich der Arbeit an der Poliklinik anschlossen.[6]

In der Poliklinik behandelten die Ärztinnen alleine in der Zeit von 1879 bis 1896 ca. 20.000 Patientinnen, obwohl nur zweimal die Woche Sprechstunden statt fanden. An der Poliklinik war eine kleine Pflegeanstalt mit angeschlossen, in der u. a. kleine operative Eingriffe vorgenommen werden konnten. Diese wurden dank der Unterstützung des Berliner Frauenvereins für arme Frauen kostenlos angeboten. Gemeinsam mit Franziska Tiburtius war Emilie Lehmus auch von 1878 bis 1885 im "Sanitätsverein für Lehrerinnen" aktiv tätig, und ab 1889 auch im "Kaufmännischen und gewerblichen Hilfsverein für weibliche Angestellte".[2]

Ruhestand in Franken

 
Aufgelassene Grabstelle von Emilie Lehmus am Fürther Friedhof
 
Gedenkstein am Fürther Ehrenweg

Um die Jahrhundertwende im Alter von 60 Jahren musste Lehmus ihre Praxistätigkeit aus gesundheitlichen Gründen aufgeben. Ihre Kollegin Agnes Bluhm berichtete von einer wiederholten "Grippepneumonie" bzw. von einer zweimaligen Influenza-Pneumonie.[6]

Sie verließ Berlin, dessen Klima ihr nicht mehr behagen wollte, und nahm ihren Wohnsitz in München. Dort schloss sie sich mit ihren zwei Schwestern ‎(verw. Caroline Braun und Marie Lehmus)‎ zu einem gemeinsamem Haushalt zusammen. Nach dem Tode der beiden siedelte sie endgültig zu ihrer jüngsten Schwester nach Gräfenberg um, wo sie bereits zuvor die Sommermonate verbrachte. Auch von dort engagierte sie sich weiter und beteiligte sich 1908 an der Gründung der Vereinigung weiblicher Ärzte in Berlin mit einer Spende von 16.000 RM.[7]

In Gräfenberg starb Emilie Lehmus am 17. Oktober 1932 im Alter von 91 Jahren nach nur zweitägiger Krankheit ‎(Grippe). Beerdigt wurde sie am Fürther Friedhof Feld 42, Nr. 9. Für ihre Beerdigung hatte sie verfügt, sie solle als Armenleiche von dem für den Wochendienst zuständigen Pfarrer von St. Martin bestattet werden. Es traf damals den Stadtvikar von St. Martin, Georg Kuhr, dessen Großvater Johann Georg Kuhr ein direkter Vetter der Verstorbenen war. An ihrem Grab durfte keine Rede gehalten werden. Sie hatte als Text nur die Schriftstelle von der Auferstehung der Toten am jüngsten Tag verfügt: 1. Thess: 4, 13-18.

1 Thess 4,13-18:13 13 Wir wollen euch aber, Brüder und Schwestern, nicht im Ungewissen lassen über die, die da schlafen, damit ihr nicht traurig seid wie die andern, die keine Hoffnung haben. 14 Denn wenn wir glauben, dass Jesus gestorben und auferstanden ist, so wird Gott auch die, die da entschlafen sind, durch Jesus mit ihm führen. 15 Denn das sagen wir euch mit einem Wort des Herrn, dass wir, die wir leben und übrig bleiben bis zum Kommen des Herrn, denen nicht zuvorkommen werden, die entschlafen sind. 16 Denn er selbst, der Herr, wird, wenn der Ruf ertönt, wenn die Stimme des Erzengels und die Posaune Gottes erschallen, herabkommen vom Himmel, und die Toten werden in Christus auferstehen zuerst. 17 Danach werden wir, die wir leben und übrig bleiben, zugleich mit ihnen entrückt werden auf den Wolken, dem Herrn entgegen in die Luft. Und so werden wir beim Herrn sein allezeit. 18 So tröstet euch mit diesen Worten untereinander.[8]

Das Grab in der Nähe der Gedenkstätte für die Kriegstoten wurde leider inzwischen aufgelassen. Eine deutsche Approbation hat sie nie bekommen.

Ehrungen

 
Gedenkveranstaltung im August 2019

Emilie Lehmus ist seit 2007 mit einer Bodenplatte im "Ehrenweg Fürth" vertreten. Seit August 2019 gibt es ihr zu Ehren eine Gedenkstätte auf dem Städtischen Friedhof an der ehem. Grabstelle Emilie Lehmus. Dabei wurde ein bereits bestehender ehem. Grabstein eines vor Jahrzehnten aufgelassenen Grabes als neuer Gedenkstein verwendet. Der Grabstein gehörte der verstorbenen Fürtherin Christl Schuierer (16. Dezember 1916 - 2. Januar 1944). Die auf dem Grabstein abgebildete Person entspricht weder der ursprünglichen Grabinhaberin noch der zu gedenkenden Emilie Lehmus - sondern stellt nur symbolisch eine weibliche junge Frau dar. Das Aufstellen und Gedenken an Emilie Lehmus erfolgte auf Initiative des ehem. Pfarrers der Gemeinde St. Peter und Paul in Poppenreuth, Christian Schmidt-Scheer. Die Initiative wurde unterstützt durch die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe - namentlich Prof. Dr. Anton Scharl (Präsident der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe) und Prof. Dr. Volker Hanf (Chefarzt der Frauenklinik/Nathanstift am Klinikum Fürth) - sowie durch die Stadt Fürth, vertreten durch den Oberbürgermeister Dr. Thomas Jung.

Die 1903 benannte Lehmusstraße in der Nähe der Billinganlage ist nicht nach Emilie Lehmus, sondern nach ihrem Vater Friedrich Lehmus benannt für sein Engagement in der Kirchengemeinde. Die Ehrung erfolgte primär für sein Engagement für die Lehmus'sche Kinderbewahranstalt, eine Art Vorläufer der heutigen Kindergärten.

In Berlin wurde an ihrer ersten Wirkungsstätte als Ärztin, Alte Schönhauser Allee 23, am 18. Juni 2006 eine Gedenktafel angebracht.

Literatur

  • Bornemann, Regina: Erste weibliche Ärzte. Die Beispiele der Fräulein Doctores Emilie Lehmus (1841 - 1932) und Franziska Tiburtius (1843 - 1927); Biographisches und Autobiographisches. - in: Weibliche Ärzte : die Durchsetzung des Berufsbildes in Deutschland / hrsg. von Eva Brinkschulte. - 2., erw. Aufl. -Berlin, 1995 - S. 24 - 32
  • Renate Trautwein: Emilie Lehmus : 30. August 1841 - 17. Oktober 1932. - in: FrauenLeben in Fürth. - Nürnberg, 2003 - S. 27 - 28
  • Ärztinnen Emilie Lehmus und Franziska Tiburtius. - in: Beeskow, Hans-Joachim: Allen voran - Berlins Erste / Hans-Joachim Beeskow & Friedrich Kleinhempel. Berlin, 2009 - S. 169 - 171
  • Karl-Maria Haertle: Fürth im 19. Jahrhundert. Volk Verlag München, 2012, S. 111.
  • Agnes Bluhm: Dr. med Emilie Lehmus. Zur Vollendung des 90. Lebensjahres am 30. August 1931 in: Die Ärztin. 7. Jg. 1931, Nr. 8
  • Agnes Bluhm: Ein Gedenktag der deutschen Medizinerinnen. in: Die Ärztin. 17. Jg. 1841, Nr. 8
  • Michaela Holdenried (Hg.): Geschriebenes Leben, Autobiographik von Frauen, 1995, S. 232 - 243

Lokalberichterstattung

  • Sebastian Müller: Ein Denkmal für Emilie Lehmus. In: Fürther Nachrichten vom 31. August 2019 (Druckausgabe) bzw. Medizinpionierin: Fürth setzt Emilie Lehmus ein Denkmal. In: nordbayern.de vom 1. September 2019 - online abrufbar

Siehe auch

Weblinks

  • Emilie Lehmus: Die Erkrankung der Macula lutea bei progressiver Myopie; Inaugural-Dissertation an der medizinischen Fakultät Zürich, 1875 - online verfügbar
  • Emilie Lehmus (Wikipedia)

Einzelnachweise

  1. Michaela Holdenried (Hg.): Geschriebenes Leben, Autobiographik von Frauen, 1995, S. 232
  2. 2,0 2,1 2,2 2,3 Charité - Biographien - Homepage, online abgerufen am 6. September 2019 | 23:10 Uhr - online abrufbar
  3. hier immatrikulierten sich im späten 19. Jahrhundert so prominente Frauen wie Ricarda Huch, Rosa Luxemburg, Anita Augspurg, Lou Andreas Salomé
  4. Kölner Zeitung, 1874
  5. Werner Mohr: "CHRONIK Nürnberg - Neumarkt - Regensburg - Amberg - Ansbach" - online
  6. 6,0 6,1 Michaela Holdenried (Hg.): Geschriebenes Leben, Autobiographik von Frauen, 1995, S. 242
  7. Emilie Lehmus auf Kulturring Berlin-Mitte - online abrufbar
  8. Deutsche Bibel Gesellschaft - online abgerufen am 30. August 2019 | 15:48 Uhr - online abrufbar

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