Gustav Schickedanz

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Dr. h. c. Gustav Abraham Schickedanz (geb. 1. Januar 1895 in Fürth; gest. 27. März 1977 in Fürth) war ein Fabrikant, Unternehmer und Stifter. Bekannt wurde er als Gründer des Versandhauses "Quelle".

Leben

Gustav Schickedanz neben Grete Schickedanz
Originalunterschrift Gustav Schickedanz von 1952
Schickedanz' Grab auf dem Hauptfriedhof

Gustav Schickedanz wurde am 1. Januar 1895 als zweites Kind des Drechslermeisters Leonhard Schickedanz und dessen früheren Haushaltshilfe und zweite Frau Eva Elisabeth geb. Kolb in der Theresienstraße 23 in Fürth geboren. Mit 6 Jahren kam er am 2. September 1901 in die Volksschule in der Schwabacher Straße 86 eingeschult. Anschließend besuchte Gustav Schickedanz ab dem 18. September 1905 die Königliche Realschule mit Handelsabschluss, das spätere Hardenberg-Gymnasium, wo er am 14. Juli 1911 das Realschul-Absolutorium sowie ein Zeugnis über die wissenschaftliche Befähigung für den einjährig-freiwilligen Dienst erhielt. Im selben Schuljahr schloss sich Gustav Schickedanz außerdem der 1877 gegründeten Absolvia Fürth an. [1] Bereits am 1. Juli 1911 hatte er bei dem Nürnberger Spielwarenhersteller J.W.Spear & Söhne seine kaufmännische Lehre begonnen, die am 26. September 1913 mit einem Austrittszeugnis endete.

Im Ersten Weltkrieg wurde er bereits im Oktober 1914 in Frankreich als Meldegänger so schwer am Unterschenkel verwundet, dass er nach seiner Entlassung aus dem Lazarett nur noch heimattauglich war und zur Kommandantur des Truppenübungsplatzes Grafenwöhr in der Oberpfalz versetzt wurde.[2] Am 28. September 1919 heiratete er die Dambacher Bäckerstochter Anna Zehnder.

Nach Kriegsdienst stieg Gustav Schickedanz 1922 bei Otto Lennert in eine Großhandlung für Kurz-, Weiß- und Wollwaren als Teilhaber ein. Bereits am 7. Dezember 1922 eröffnete Schickedanz seine eigene Firma, die am 6. Januar 1923 ins Handelsregister eingetragen wurde: "Gustav Schickedanz, Kurzwaren en gros", Moststraße 25.

Am 11. November 1927 ging aus dieser Kurzwarenhandlung das Versandhaus Quelle hervor und orientierte sich dabei an der amerikanischen Idee des Versandhandels. Dieses modifizierte er den deutschen Verhältnissen entsprechend um und perfektionierte es, um den deutschen Verbrauchergewohnheiten Rechnung zu tragen. Dabei setzte er von Anfang an auf die Maxime “Qualität zu einem angemessenen Preis”. Sitz war zunächst die Königswarterstraße 10. Das von den Nationalsozialisten geächtete Versandhausgeschäft machte es notwendig, sich Standbeine im produzierenden Gewerbe zu verschaffen: 1935 erwarb Schickedanz die Rechte an der Marke Tempo und die Vereinigten Papierwerke in Nürnberg. Auch die Mehrheit an der Brauerei Geismann erlangte er Ende der 1930er Jahre. Und so erreichte der Quelle-Konzern 1939 einen Umsatz von 40 Millionen Mark. Mit seiner zweiten Ehefrau Grete Schickedanz, die seit 1922 seine Angestellte gewesen war, brachte er das Unternehmen nach Ende des Zweiten Weltkriegs, in dem bei einem Luftangriff am 16. März 1945 die Lager in Fürth zerstört wurden, wieder auf Erfolgskurs.

So ließ er bereits im Jahr 1957 das welterste Informatiksystem für Real Time-Anwendungen bei Handelsunternehmen entwickeln und einsetzen. Im gleichen Jahr gelang ihm auch der Einstieg in den Versandhandel von hochwertigen Fotoapparaten, woraus sich in wenigen Jahren die Foto Quelle entwickelte. 1962 wurden erste Liefer- und Fertigungsverträge mit Handels- und Produktionszentren in Fernost geschlossen, um billigen Importwaren aus Japan entgegentreten zu können. Und zur gleichen Zeit gelang auch der Einstieg in die Touristikbranche. Dies legte den Grundstein für die spätere Reise Quelle.[3]

Nach zahlreichen Eingliederungen weiterer Unternehmen in den Konzern, u. a. der Brauerei Humbser, die man mit der bereits im Konzern befindlichen Geismann zur "Brauerei Humbser-Geismann AG" verschmolz, betrug der Umsatz 1972 bereits 5 Milliarden Mark.

Als erfolgreicher Großkaufmann und Unternehmer lebte er in Fürth-Dambach im Stil der "neuen" Zeit, in einer "... Gemütlichkeit freilich ... recht umfänglich geraten für einen häuslichen Lebenszuschnitt, der seine Verwandtschaft mit den Wohnstuben-Idealen des deutschen Kleinbürgers nicht verleugnet."[4]

Als Gustav Schickedanz am 27. März 1977 starb, übernahm seine Witwe Grete die Firmenleitung des Versandhauses "Quelle", den Vorstandsvorsitz sein Schwiegersohn Hans Dedi.[5]

Gustav Schickedanz ist auf dem Fürther Hauptfriedhof an der Erlanger Straße beigesetzt; den Grabspruch - ein Zitat Johann Wolfgang Goethes - hatte er noch selbst bestimmt: „Des Todes rührendes Bild steht nicht als Schrecken dem Weisen und nicht als Ende dem Frommen.“

Schickedanz' Rolle während des NS-Regimes

Gustav Schickedanz als Stadtrat der NSDAP in der Fränkischen Tageszeitung vom 26. Oktober 1935

Schickedanz war seit 1932 Mitglied der NSDAP und wurde 1935 vom NS-Oberbürgermeister Franz Jakob als Fürther Stadtrat eingesetzt. Die anlässlich von Korruption rund um die sogenannten Arisierungen eingesetzte sog. Göringkommission bezeichnet Schickedanz in ihren Berichten als "Günstling der Gauleitung". Die Vereinigten Papierwerke, die Brauerei Geismann, weitere Firmen und attraktive Grundstücke konnte Schickedanz, wahrscheinlich aufgrund seiner Parteizugehörigkeit während des NS-Regimes und der guten Kontakte zur Gauleitung, weit unter dem tatsächlichen Wert von den ehemals überwiegend jüdischen Besitzern im Zuge der Arisierung erwerben.

Nach dem Krieg bestand zunächst gesteigertes Interesse an der Beleuchtung Schickedanz' Rolle während des Dritten Reiches. Ihm war bis 1949 Berufsverbot auferlegt worden, sein Vermögen war größtenteils beschlagnahmt und es war ihm verboten, seine Unternehmen zu leiten und zu betreten.[6] Im Laufe der Zeit verloren vor allem die USA wegen des heraufziehenden Kalten Krieges ihr Interesse an den Verfahren und die westdeutsche Politik bemühte sich um die Wirtschaftsgrößen, die für den Wiederaufbau als notwendig empfunden wurden. In Schickedanz' Fall war es so z. B. der damalige Bayerische Wirtschaftsminister Dr. Ludwig Erhard, der ihm ein Zeugnis als harmloser "Mitläufer" ausstellte. So wurde das Verfahren gegen ihn unter großem Druck von außen mit einem Freispruch zu Ende geführt. Erst im April 1949 konnte Gustav Schickedanz, dessen Berufsverbot aufgehoben wurde, rehabilitiert in die Firma zurückkehren[6], deren treuhänderische Verwaltung, nicht zum Nachteil von Schickedanz, in den Händen ehemaliger Angestellter lag.

Bis heute ist die Rolle von Gustav Schickedanz im Dritten Reich und sein Verhalten bei der Arisierung jüdischen Eigentums in Fürth und Nürnberg höchst umstritten. Während sich die offizielle Firmengeschichtsschreibung dem Thema lange vollständig verschloss und das Kapitel aussparte, so etwa Theo Reubel-Ciani[7], ging man später wieder zur Argumentationslinie aus dem Entnazifizierungsverfahren über, Schickedanz' Rolle auf die eines Mitläufers zu beschränken, so z. B. der von der Familie Schickedanz mit der Biographie beauftragte Erlanger Historiker Gregor Schöllgen.[8] Claus W. Schäfer, seinerseits Inhaber eines Lehrstuhls für Neuere Geschichte an der Universität Erlangen, sieht in einem Vortrag beim Fürther Geschichtsverein die Schuld weniger bei Schickedanz als bei der Dresdner Bank; Schickedanz' NSDAP-Mitgliedschaft und Ratstätigkeit in der NS-Zeit erwähnt er mit keinem Wort.

Wesentlich kritischer äußern sich z. B. die Historiker Peter Zinke vom Nürnberger Institut für NS-Forschung und jüdische Geschichte des 20. Jahrhunderts und Dr. Eckart Dietzfelbinger vom Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände zur Rolle Gustav Schickedanz und bemängeln die bis heute unvollständige Aufarbeitung des Themenkomplexes. Zinke sieht die Erwerbungen vormals jüdischen Eigentums in engstem Zusammenhang mit Schickedanz guten Kontakten zur Gauleitung[9] und Dr. Dietzfelbinger sieht im Fall Schickedanz ein Musterbeispiel des Profiteurs der einträglichen Arisierung, und der Harmlosigkeit der "Mitläuferfabriken" (Spruchkammern) nach Kriegsende, die beide auf einem gesellschaftlichen Konsens beruhten und für "haarsträubende personelle und mentale Kontinuitäten sorgten."[10]

Stiftungen

Gustav und Grete Schickedanz waren neben ihrer Geschäftstätigkeit auch als Förderer und Initiatoren zahlreicher Stiftungen tätig und wurden dafür mit zahlreichen Auszeichnungen bedacht. Die Gustav-Schickedanz-Stiftung gründete er am 1. Januar 1965 anlässlich seines 70. Geburtstags.

Die Stiftung unterstützt primär seit mindestens 5 Jahren in Bayern lebende Studenten aller Fachrichtungen, sofern diese bedürftig sind.

Familie

Schickedanz heiratete 1919 Anna Zehnder, mit der er zwei Kinder hatte, Louise und Leo. Bei einem tragischen Autounfall am 13. Juli 1929 starben seine Frau, sein Vater Sohn Leonhard Michael Schickedanz und sein Sohn Leo; Schickedanz selbst überlebte schwer verletzt. Einzig Tochter Louise blieb unversehrt. Am 8. Juni 1942 heiratete er Grete Schickedanz (geb. Lachner), die seit 1927 seine Angestellte war, in der Kirche St. Paul. Aus dieser Ehe ging die Tochter Madeleine Schickedanz hervor.

Ehrungen

Gedenkstein am Fürther Ehrenweg.

Darüberhinaus tragen viele Straßen und Einrichtungen den Namen des Ehepaars Schickedanz:

Literatur

  • Schickedanz, Gustav. In: Adolf Schwammberger: Fürth von A bis Z. Ein Geschichtslexikon. Fürth: Selbstverlag der Stadt Fürth, 1968, S. 315 f.
  • Walter Fischer: In memoriam Dr. h.c. Gustav Schickedanz. In: Fürther Heimatblätter, 1977/3, S. 49 - 51
  • Theo Reubel-Ciani: Gustav Schickedanz und sein Jahrhundert. Zum 100. Geburtstag des Quelle-Gründers, Fürth, 1. Januar 1995, Fürth, Sebald Druck und Verlag GmbH, 347 S.
  • Claus W. Schäfer: Die Quelle des Wohlstandes. Gustav Schickedanz und Fürth. In: Fürther Geschichtsblätter, 2,3,4/2007, S. 87 - 99.
  • Eckart Dietzfelbinger: Warum braune Flecken kein Makel blieben: Anmerkungen zum Fall Gustav Schickedanz, in: Transit Nürnberg 2.2008, S. 31 - 37
  • Gregor Schöllgen: Gustav Schickedanz: Biographie eines Revolutionärs, BV Berlin Verlag GmbH, Berlin, 2010, 464 S.

Lokalberichterstattung

  • Eckart Dietzfelbinger: Kleine Schritte ins Verbrechen - In: Nürnberger Zeitung vom 10. März 2009 - online abrufbar
  • dpa: Quelle-Gründer übernahm jüdischen Besitz. Gustav Schickedanz profitierte von Nationalsozialisten. In: Nürnberger Zeitung Nr. 166 vom 22. Juli 2009, S. 2
  • dpa: «Verstrickt in Arisierung» - Bericht: Quelle-Gründer profitierte von NS-Enteignung - Pressebericht vom 22. Juli 2009 online abrufbar
  • Alexander Jungkunz: Quelle profitierte von den Nazis - Gustav Schickedanz trat schon 1932 der NSDAP bei. In: Nürnberger Nachrichten vom 23. Juli 2009 - online abrufbar

Siehe auch

Weblinks

Einzelnachweise

  1. In: Gregor Schöllgen: Gustav Schickedanz - Biografie eines Revolutionärs, Berlin Verlag, Berlin 2010, S. 25 f.
  2. Theo Reubel-Ciani: Gustav Schickedanz. Quelle, 1995, S. 65.
  3. Theo Reubel-Ciani: Gustav Schickedanz. Quelle, 1995, S. 23-31.
  4. Peter Brügge: "Die Reichen in Deutschland", Spiegel-Serie, 3. Fortsetzung, Der Spiegel 40/1966 vom 26.09.1966 - im Internet
  5. Quelle: "Wollen! Wägen! Wagen!", Handelsblatt vom 31. März 2006
  6. 6,0 6,1 Portrait Gustav Schickedanz auf den Internetseiten der Gustav-Schickedanz-Stiftung
  7. Theo Reubel-Ciani: "Gustav Schickedanz und sein Jahrhundert. Zum 100. Geburtstag des Quelle–Gründers."
  8. vgl. Gregor Schöllgen: Gustav Schickedanz - Biografie eines Revolutionärs, Berlin Verlag, Berlin 2010
  9. Peter Zinke: "Er drohte wieder mit der Gauleitung", in nurinst 2008, Jahrbuch des Nürnberger Instituts für NS-Forschung und jüdische Geschichte des 20. Jahrhunderts
  10. Dr. Eckart Dietzfelbinger: "Warum braune Flecken kein Makel blieben: Anmerkungen zum Fall Gustav Schickedanz" in transit nürnberg 2/08

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